Rezension

Filmkritik: Tenet

Tenet (2020), Regie: Christopher Nolan, Großbritannien/USA, 150 Minuten, Verleih: Warner Bros., Kinostart: 26. August

Drei Männer bearbeiten ein umgefallenes Mauerstück mit Spitzhacken. Plötzlich erhebt sich eine Staubwolke, in der sich die Mauer wieder aufrichtet. Sie scheint den Staub aufzusaugen, schwankt kurz und steht dann wieder. Das ist die erste Zeitumkehrung in der Filmgeschichte, aufgenommen 1896 von den Brüdern Lumière und unter dem Titel „Démolition d‘un mur“ („Abriss einer Mauer“) aufgeführt. Der Vorführer hatte den Film rückwärts laufen lassen, die Zeitumkehr fand schließlich Eingang in einer neuen Fassung des Films.

Das Spiel mit der Zeit im Film ist also fast so alt wie die Kinematographie. Der derzeitige Meister in diesem Spiel ist sicherlich der britische Regisseur Christopher Nolan, der in seinen vertrackt-verschachtelten Filmen fast schon obsessiv die Konventionen von Zeit, Raum und Handlung bricht, nicht zuletzt im Science-Fiction-Film “Interstellar“, wo er vom späteren Physik-Nobelpreisträger Kip Thorne beraten wurde, der auch als Produzent fungiert.

Sein aktueller Agententhriller „Tenet“ verspricht nun, die Zeitmanipulation auf ein neues Niveau zu heben. Ausdrücklich nicht als „Zeitreise-Film“ gedacht, lässt sich dort gleichzeitig vorwärts- und rückwärts laufende Zeit erleben. Der nur „Protagonist“ genannte Agent, gespielt von John David Washington, und sein Mitspieler, der studierte Physiker Neil (Robert Pattinson), müssen nichts weniger, als die Vernichtung der Menschheit durch einen Angriff aus der Zukunft verhindern. Ihre Mission führt sie an zumeist spektakuläre Orte in der Ukraine, in Norwegen, Dänemark, Estland, Italien, Indien, Großbritannien und den USA.

Bei ihrer Jagd um die Welt begegnen sich schließlich die Zeitrichtungen in „temporalen Zangenbewegungen“. Das geschieht mittels „Inversion der Entropie“, die ein Algorithmus, der in der Zukunft entwickelt wurde, ermöglicht. Der britische Physiker Arthur Eddington war es, der 1928 die Richtung des „Zeitpfeils“ auf den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und somit das Anwachsen der Entropie zurückgeführt hat. Doch die Verknüpfung von Entropie und Zeitrichtung erwies sich als nicht so zwingend und eng, wie Eddington das gehofft hatte. Problemlos definieren und messen lässt sich die Entropie eigentlich nur für abgeschlossene Systeme.

Der Entropie-Satz „stellt [...] keine ‚Erklärung‘ dieser Auszeichnung einer Zeitrichtung dar, sondern beschreibt eine weitere große Klasse von Prozessen, bei denen eine Zeitrichtung ausgezeichnet ist“, schreibt etwa der theoretische Physiker Günther Ludwig in seiner großangelegten „Einführung in die Grundlagen der theoretischen Physik“ und betont: „Eine Filmaufnahme eines irreversiblen Prozesses in umgekehrter Richtung abgespielt, stellt also keinen ‚physikalisch möglichen‘ Prozeß […] dar“.Für offene Systeme, die sich nicht im thermodynamischen Gleichgewicht befinden, kann man zudem nicht einfach eine Entropie einführen, denn dort ist im Allgemeinen keine Temperaturdefinition möglich. Aber Nolan ist als Filmregisseur natürlich nicht daran gebunden, physikalisch Mögliches zu zeigen.

Vielleicht geht es bei „Tenet“ gar um eine Umkehrung des „kosmischen Zeitpfeils“. Der Physiker Thomas Gold vermutete 1958, dass die Expansion des Universums eine Zeitrichtung auszeichnen könnte. Dieser würde sich umkehren, wenn das Universum kontrahiert. Wie künftige Generationen eine solche Kontraktion bewerkstelligen könnten, bleibt fraglich.

Da es sich bei der „Entropie-Inversion“ um eine Erfindung handelt, die in der Zukunft gemacht wird, hat Nolan eine gehörige Portion Narrenfreiheit. So präsentiert eine Wissenschaftlerin dem „Protagonisten“ eine Pistole, die Kugeln auffängt, statt sie abzuschießen. Sie spekuliert unbekümmert darüber, dass eine „invertierte Strahlung, die auf Kernspaltung beruht“ für die Entropie-Inversion verantwortlich sein könnte. Das ergibt keinen Sinn, und schließlich schleicht sich doch der Zeitreise-Aspekt in die Handlung ein. Dabei kommen das Großvater-Paradoxon, parallele Welten und die Frage nach dem freien Willen zur Sprache.

Nolan ist sicher bewusst, auf welch glattes Eis er sich mit den physikalischen Begründungen für seine Agentengeschichte begeben hat. Aber er erlaubt sich auch ein Augenzwinkern in Richtung Physik, wenn er einen Charakter im Film Wheeler nennt, was sicher auf John Archibald Wheeler anspielt, der auch zu den Physikern gehört, die sich intensiv mit der Zeit beschäftigt haben (vgl. unten).

Der Film mag beim ersten Mal zu laut und unverständlich sowie emotional allzu unterkühlt erscheinen. Nolan treibt seinem Helden jede Lebensart aus, die einen stilbewussten und den Freuden des Lebens zugeneigten Agenten wie James Bond auszeichnet. Ein zweites Anschauen kann nötig sein, um den Film zu genießen und die Puzzle-Teile zusammenzusetzen – wobei es hilft, auf die Elemente des sogenannten SATOR-Quadrats und auf Palindrome zu achten. Beim zweiten Mal lassen sich auch die Pointen der schnellen und geschliffenen Dialoge besser würdigen ebenso die elegante Rasanz und die schauspielerischen Leistungen. Kenneth Branagh etwa spielt den egomanen Widerling Andrej Sator mit großem schauspielerischen Gusto.

„Tenet“ ist ganz klar Christopher Nolans „James-Bond-Film“. Er arrangiert die Versatzstücke des Agentenfilms neu und versetzt sie mit einer gehörigen Prise Science-Fiction. Die physikalische Plausibilität bleibt zwar größtenteils auf der Strecke, doch „Tenet“ lädt ein, sich einmal wieder mit den grundlegenden physikalischen Fragen nach Zeit und Entropie zu beschäftigen … und mit zwei zentralen Aspekte unseres Lebens, der Gegenwart und der Zukunft.

Nolan und seinem eingeschworenen Team sind in jedem Fall Filmsequenzen gelungen, welche die Brüder Lumière fast 125 Jahre nach ihrer Erfindung der Kinematographie in höchstes Erstaunen versetzt hätten.

Alexander Pawlak

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