Rezension

Versagtes Vertrauen

Reinhard Buthmann: Versagtes Vertrauen. Wissenschaftler der DDR im Visier der Staatssicherheit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, 1179 S., geb., 175 €, ISBN 9783525317242

Als im revolutionären Winter 1989/90 auf der Physikertagung in Leipzig der gesamte Vorstand der Physikalischen Gesellschaft der DDR abgewählt wurde, da spielte das Buch „Im Zentrum der Spionage“ des abtrünnigen Oberleutnants des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Werner Stiller eine zentrale Rolle. Es machte die zentrale Rolle der Stasi in der DDR und nicht zuletzt in der Physikalischen Gesellschaft selbst deutlich.

Stiller benannte Ross und Reiter und offenbarte das dichte Netz von hauptamtlichen MfS-Offizieren, aber auch von „Informellen Mitarbeitern“. Diese IMs betrieben nicht nur Aufklärungsaufgaben sowie Industrie- und Wissenschaftsspionage, sondern hatten auch als Schild und Schwert der Partei krakenartig alle Bereiche der DDR-Gesellschaft fest im Blick bzw. Griff. Der Fokus von Stillers Buch lag darauf darzustellen, wie planmäßig, konsequent und systematisch sich das MfS Know-how und Forschungsergebnisse von führenden westlichen Industriebetrieben und Wissenschaftsinstitutionen beschaffte. Es enttarnte auch führende DDR-Physiker als Stasi-Spitzel.

Dreißig Jahre später wirft das vorliegende Buch von Reinhard Buthmann, ehemaliger Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung des BStU1), einen anderen, ausgeprägt strukturellen Blick auf das „System Staatssicherheit“ und zeigt, dass es dabei nicht nur um mieses Denun­ziantentum geht – davon finden sich im Buch allerdings jede Menge Beispiele und für manchen Leser auch persönliche Enttäuschungen, wenn ein vermeintlich unbescholtener Kollege sich als beflissener IM entpuppt.

Vielmehr wird am Beispiel der Hochtechnologiebereiche von Mikroelektronik, Raumforschung, Kerntechnik und Flugzeugbau akribisch und auf der Grundlage jahrzehntelanger Archiv­recherchen nachgezeichnet, wie die Stasi mit ihrem Spitzelapparat gezielt in das DDR-Wissenschafts- und Forschungssystem eingriff und mit dazu beitrug, dass ganze Forschungsrichtungen nivelliert und namentlich die internationalen Wissenschaftsbeziehungen unter ihre Kontrolle gebracht sowie zunehmend eingeschränkt wurden. Buthmann macht hierfür einen großangelegten Masterplan des SED-Wirtschaftsfunktionärs Günter Mittag verantwortlich, in dessen Rahmen auch ein Kampf gegen die „bürgerlichen Wissenschaftler“ geführt und ihr Einfluss im DDR-Wissenschaftssystem durch „Versagtes Vertrauen“ systematisch begrenzt wurde.

Allerdings wird der Terminus des „bürgerlichen Wissenschaftlers“ nicht methodisch klar definiert, gehören dieser Gruppe doch auch Wissen­schaftler an, die sozial keineswegs einem bürgerlichen Milieu entstammten. So war Werner Hartmann Sohn eines Handwerkers, und auch der zweite „Held“ des Buches, der Ionosphärenphysiker und Raumforscher Ernst Lauter, war eigentlich kein typischer Vertreter des Bürgertums. Methodisch wäre hier angebracht gewesen, klar (und nicht nur indirekt) herauszustellen, dass der Begriff keine soziale Kategorisierung meint, sondern den Typus des vermeintlich unpolitischen Wissenschaftlers umschreibt, der sich gegen das Hineinregieren von Partei und Staat in die Wissenschaft sowie gegen fachfremde Interessen auflehnt.

Zu den Schwächen des Buches gehören auch die Mängel bei der Anwendung des sozialwissenschaftlichen und historischen Methodenkanons. Ausdruck findet dies etwa in der nicht immer hinreichenden Refle­xion moderner Forschungsansätze zum Problemkomplex Wissenschaft und Staat, sodass wichtige Arbeiten zum Thema unerwähnt bzw. unberücksichtigt bleiben. Das betrifft beispielsweise das vom Autor favorisierte Top-down-Modell des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik, in dem die hehre Wissenschaft durch die Zumutungen von Politik und Ideologie Schaden erleidet bzw. deformiert wird. Dieses statische Modell hat die moderne wissenschafts- wie zeithistorische Forschung längst durch ein dynamisches der wechselseitigen Beeinflussung zum jeweils eigenen Nutzen ersetzt.

Darüber hinaus wird wichtige und relevante Fachliteratur nicht bzw. nur ungenügend rezipiert. So wurden die Physikalischen Blätter nur bis Mitte der 1990er-Jahre ausgewertet, obwohl es dort auch in späteren Jahrgängen durchaus Relevantes zum Thema zu entdecken gegeben hätte. Problematisch ist auch Buthmanns allzu starke Fokussierung auf die Stasi-Akten, die zumindest eine Kommentierung bzw. sorgfältige Quellenkritik verdient hätte.

Trotz solcher Defizite leistet das gewichtige, fast 1200-seitige Buch Pionierarbeit, denn es gibt keine vergleichbare Studie, die so schlüssig, sachbezogen und quellenorientiert der Einflussnahme der Staatssicherheit auf das DDR-Wissenschafts- und Forschungssystem auf den Grund geht – auch wenn bei der starken Fakten­bezogenheit, ja Detailversessenheit des Autors manchmal der Leser in Gefahr gerät, den „Wald vor lauter Bäumen“ nicht mehr zu sehen. Weniger wäre hier wohl mehr gewesen. 

Dieter Hoffmann, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
 

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