Rezension

Filmkritik: Abenteuer eines Mathematikers

Abenteuer eines Mathematikers (2020), Regie: Thor Klein, Deutschland, 98 Minuten, Verleih: Filmwelt Verleihagentur, Kinostart: 30. Juni

Der Film des deutschen Regisseurs Thorsten „Thor“ Klein zeichnet das Leben des polnisch-amerikanischen Mathematikers Stanislaw Ulam (Philippe Tłokiński) zwischen 1941 und 1949 nach.

Ulam wurde 1909 in Lemberg als zweites von drei Kindern einer gutbürgerlichen jüdischen Familie geboren. Er studierte dort Mathematik und wurde Mitglied der berühmten Lemberger Mathematikerschule um Stefan Banach und Hugo Steinhaus. Auf Einladung seines Freundes John von Neumann ging er 1935 zunächst nach Princeton und dann nach Harvard.

Im Februar 1944 kam er auf Einladung von Hans Bethe nach Los Alamos, wo er zusammen mit Edward Teller Berechnungen zur Möglichkeit einer Wasserstoffbombe („Super“) durchführte. Darüber hinaus beschäftigte sich Ulam im Manhattan-Projekt unter anderem mit hydrodynamischen Berechnungen zu Sprenglinsen für die Plutoniumbombe und mit statistischen Fluktuationen in der Neutronenerzeugungsrate während der nuklearen Kettenreaktion.

Die Sorge um seine Familie im zunächst von den Sowjets und dann von den Deutschen besetzten Ostpolen und seine Beziehung zu seiner französischen Frau bilden den privaten Rahmen dieses Films. Im Fokus steht Ulams Freundschaft mit John von Neumann (Fabian Kociecki) und die gemeinsame Arbeit in Los Alamos. In Diskussionen mit Teller, Jack Calkin (Sam Keeley), Klaus Fuchs (Sabin Tambrea) und Robert Oppenheimer (Ryan Gage), vor allem aber in den Gesprächen mit von Neumann geht es um die technische Machbarkeit und um moralische Skrupel beim Test und Einsatz von Nuklearwaffen. Geschickt didaktisch reduziert werden dabei Ulams Beitrag zur Monte-Carlo-Methode ebenso eingeflochten wie seine Einwände gegen die Machbarkeit von Tellers „Super“.

 

Leider suggeriert der Film fälschlicherweise, dass die Reaktionen der beteiligten Wissenschaftler auf den ersten Atomtest im Juli 1945 vor allem von Schuldgefühlen und tiefer Besorgnis und weniger von Erleichterung und Freude über den gelungenen Test geprägt gewesen seien. Ulam selbst blieb dem Test der „grausamste Waffe im Universum“ fern und verbrachte die Zeit lieber mit seiner Familie.

Unbeantwortet bleibt leider die Frage, warum Ulam 1946 (und nicht wie im Film behauptet 1948) zurück nach Los Alamos in die Kernwaffenforschung ging und später sogar entscheidend zum Durchbruch bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe (Teller-Ulam-Design) betrug, wenn er diese Waffen doch so sehr ablehnte wie im Film behauptet wird. So sagt er dort im Oktober 1949 zu seinem Bruder: „Das Einzige, was ich geschaffen habe, ist geschmolzener Sand. Um mich herum ist nichts als Asche und Tod. Ich will nicht mehr so leben.“

Einige zeitliche Unschärfen sind wohl dramaturgischen Gründen geschuldet. So wird die Enttarnung des Atomspions Klaus Fuchs zwei Jahre vorverlegt und Ulams Ideen zu nuklearangetriebenen Raketen sogar sieben Jahre. Schwerer wiegt die Tatsache, dass die Darstellung Tellers durch Joel Basman bisweilen zur Karikatur gerät, wohingegen von Neumanns militanter Anti-Kommunismus und seine wichtige Rolle in der Zielauswahlkommission für die Atombombenabwürfe auf Japan verschwiegen werden.

Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Atombombe und Wasserstoffbombe, das ist vielleicht etwas viel für einen einzigen Film, der sich sehr auf Gespräche in historischer Ausstattung verlässt und keine rechte filmische Sprache findet, um die Dramatik der damaligen Zeit rüberzubringen.

Trotz aller Schwächen und auch, wenn sich die fachlichen Verdienste Ulams nur erahnen lassen, gelingt dem Film doch die Annäherung an diesen zu Unrecht im Schatten vieler Zeitgenossen stehenden Wissenschaftler.

Dr. Michael Schaaf,
Deutsche Internationale Schule Kapstadt

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