Rezension

Die Nebelspur

Jens Soentgen: Die Nebelspur – Wie Charles Wilson den Weg zu den Atomen fand, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2019, geb., 120 S., 20 €, ISBN 9783779506249

Jens Soentgen, studierter Chemiker und Philosoph, beschreibt in diesem kleinen, aber feinen Band mit viel Witz und Hintergrundwissen das Leben des Physik-Nobelpreisträgers Charles Wilson (1869 – 1959) und wie er seine „Wolken­methode“ in einen Apparat umsetzte, der unser Bild vom Aufbau der Materie revolutioniert hat: die Nebelkammer. Die Illustrationen von Vitali Konstantinov, in dezenten Blau- und Schwarztönen gehalten, unterstreichen dabei mit einem Augenzwinkern die teils skurrilen Eigenheiten der Hauptfigur.

Der Inhalt gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil „Vom Whisky zum Atom“ geht es um Wilson und die Nebelkammer, der zweite Teil „Wolkenexperimente“ enthält viele Vorschläge und Anleitungen, um Wilsons Erlebniswelt nachzuvollziehen. Höhepunkt ist aber der Bau einer eigenen kleinen Nebelkammer mit so einfachen Materialien wie Trockeneis, schwarzer Plas­tikfolie, Styropor, einem hohen Glas – mit etwas Geduld lassen sich damit Teilchen anhand ihrer Nebelspuren entdecken.

Die sieben Kapitel des ersten Teils sind mit Textzeilen aus der ironischen Hymne „Oh proud land“ überschrieben, mit der ein schottischer Getränkehersteller während der Commonwealth Games vor fünf Jahren seine Produkte bewarb. Zunächst führt Soentgen kurz in die Geographie und Geschichte Schottlands ein, um den Leser darauf vorzubereiten, warum schottische Forscher im Allgemeinen und Wilson im Besonderen ein spezielles Gespür für Nebel entwickelt haben. Beispielsweise stellt er den schottischen Aufklärer David Hume als einen „Forscher gegen den Nebel“ vor und beschreibt die Untersuchungen von John Aitken zur Atmosphäre und zum Smog als „Forschung mit dem Nebel“. Das Wortspiel verdeutlicht die Sicht des Philosophen Soentgen auf die Entwicklung der Wissenschaften.

Anschließend widmet er sich intensiv dem Werdegang Wilsons und seiner Arbeit an der Nebelkammer. Immer neue Beispiele verdeutlichen, welche Dimensionsunterschiede das Gerät zu überbrücken vermag und wieso Lord Rutherford es zurecht als das „originellste und wunderbarste Instrument in der Geschichte der Naturwissenschaften“ bezeichnet hat.

Zum Ende stehen die letzten Jahre Wilsons im Mittelpunkt, in denen er sich mit der gleichen Akribie, die ihn die Nebelkammer perfektionieren ließ, dem Wesen der Blitze widmete. Einzig das nur zwei Seiten lange Abschlusskapitel zur „technologischen Eskalation“ in der Forschung will nicht so ganz zum ansonsten heiteren Ton passen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis mit vielen Original­arbeiten der erwähnten Forscher rundet den buchbinderisch schön gestalteten Band ab. Der ist übrigens das dritte gemeinsame Werk von Soent­gen und Konstantinov, die auch eine Reise quer durch die Natur und eine Geschichte der Chemie vorgelegt haben. Die werde ich mir sicher auch noch zulegen.

Kerstin Sonnabend

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