Rezension

Die Erfindung des Countdowns

Daniel Mellem, Die Erfindung des Countdowns, dtv, München 2020, 288 S., geb., 23 Euro, ISBN 9783423282383

Der promovierte Physiker Daniel Mellem legt mit diesem Buch sein literarisches Debüt vor, das sich dem Leben von Hermann Oberth widmet. Oberth gilt vielen als „Vater der Raumfahrt“, ist aber durchaus eine strittige Person in der Raumfahrtgeschichte. So nannte ihn der Dramatiker Rolf Hochhuth in seinem gleichnamigen Theaterstück „Hitlers Dr. Faust“.

Mellem schildert Oberths Leben von der frühen Kindheit bis zum Start von Apollo 11. Herausgekommen ist dabei ein gut lesbares literarisches „Biopic“, in dem sich wichtige Statio­nen seines Lebens nachvollziehen lassen. Sehr treffend ist die schmerzhafte Begegnung des jungen Hermann mit einem Stier, den er vergeblich ­versucht, an den Hörnern zu packen − ein gutes Sinnbild für seine spätere, oft holprige Karriere. Immerhin erlangte er auch Berühmtheit durch seine Mitwirkung an Fritz Langs Film „Die Frau im Mond“ (1929), in dem erstmals ein Countdown zu erleben war. Mellem zählt die Roman-Kapitel daher von zehn rückwärts bis null – eine Pointe, die jedoch nicht so recht zündet. Denn die Geschichte der Mondlandung ist eben nicht nur die Geschichte Oberths, den Countdown hat Lang, aber nicht Oberth erfunden, und darüber hinaus fällt das Ende des Romans doch recht kitschig aus.

Gewiss hat Oberth grundlegende Beiträge für Raketenbau und Raumfahrt geleistet. Aber er stand sich mit seiner eigenbrötlerischen Art oft selbst im Weg oder wurde ins Abseits gestellt. Als hinderlich erwies sich immer wieder die schwierige Frage seiner Nationalität, da er in Siebenbürgen zur Zeit der K.u.K.-Monarchie geboren wurde. Diesem Aspekt räumt Mellem größeren Raum ein.

Ebenso thematisiert er, dass Oberth seine Raketen schon sehr früh auch als Waffen konzipierte, naiverweise um Kriege schneller zu beenden. Damit diente er sich Hitler an, allerdings erfolglos. Der ehrgeizigere von Braun war gefragt und Oberth blieb eine Randfigur, etwa in Peenemünde, wo die V2-Rakete entwickelt wurde. Damit verbunden sind die entsetzlichen Bedingungen der ausgelagerten Fertigungsstätten, in denen fast 20 000 Zwangsarbeiter zu Tode kamen. Bei Oberth muss man sich fragen: Wovon wusste er? Wie schuldig hätte er sich für seine Raketenträume gemacht, wenn er zum Zuge gekommen wäre?

Der Roman-Oberth erscheint mir gewinnender als die tatsächliche Person. Es ist ehrenhaft, dass Mellem versucht, Oberth aus dessen Herkunft und Zeitumständen heraus zu verstehen, aber er fasst ihn als literarische Figur zu sehr mit Samthandschuhen an. Wenn er beschreibt, wie sich Oberth kritisch zur „Welteislehre“ oder zur „Deutschen Physik“ äußert, empfinde ich das als zu apologetisch. Ihn gar als „großen, streitbaren Träumer“ hinzustellen, wie es im Zitat von Saša Stanišić auf dem Schutzumschlag anklingt, ist mir viel zu verklärend für jemanden, der (wenn auch nicht lang) NPD-Mitglied war und noch 1962 sagte: „Ich hatte gehofft, eine Raketenwaffe zu finden, die den Schandvertrag von Versailles hätte zerschlagen können.“ Gerade die zweifelhafte Haltung Oberths zum National­sozialismus, den Umständen bei der Entwicklung und dem Bau der V2 und allgemein der Problematik des − modern gesagt −„dual use“ wären wohl besser in einem Sachbuch aufgehoben. Die konventionelle, episodische Erzählweise des kurzen Romans liefert dafür zu wenig Kontext und verschleiert im Zweifelsfalle mehr als sie zeigt.

Alexander Pawlak

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