Panorama

Wissenschaftslenker mit Weitblick

02.04.2020 - Der Physiker und DPG-Ehrenmitglied Reimar Lüst ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Er hat nachhaltig als Forschungsmanager gewirkt.

Erfolgreicher Forscher, angesehener Forschungsmanager, dritter und bislang jüngster Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, ESA-Generaldirektor und Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung – das sind nur die wichtigsten Eckpunkte in der langen Laufbahn des Physikers Reimar Lüst. Das DPG-Ehrenmitglied ist nun im Alter von 97 Jahren verstorben.

„Reimar Lüst hat in einzigartiger Weise und ganz im Sinne der Satzung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft Herausragendes für die Physik geleistet. Darüber hinaus hat er über mehrere Jahrzehnte durch leitende Tätigkeiten im Forschungsmanagement maßgeblich zum Aufbau und zur Weiterentwicklung der deutschen und europäischen Wissenschaftslandschaft beigetragen“, sagt der ehemalige DPG-Präsident Rolf-Dieter Heuer. Er hatte Reimar Lüst im Februar 2018 bei einem Treffen am DESY in Hamburg persönlich die Pergamenturkunde zur DPG-Ehrenmitgliedschaft überreicht.

Prägend war für Reimar Lüst die Zeit bei der Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg. Mit 17 Jahren hatte er sich dort zum Dienst verpflichtet. Im März 1943 kam er als Ingenieur-Offizier auf ein U-Boot, das wenige Wochen später unter schweren Beschuss geriet. Um zu entkommen, tauchte das Boot mehr als 200 Meter tief – wesentlich weiter als eigentlich vorgesehen. Dass es von dort noch einmal an die Oberfläche kam, grenzte an ein Wunder. Der größte Teil der Mannschaft wurde von der britischen Marine gerettet. Den 11. Mai 1943, den Tag der dramatischen Geschehnisse, bezeichnete Lüst seither als seinen „zweiten Geburtstag“.

In amerikanischer Kriegsgefangenschaft begann Lüst an einer Lageruniversität Physik und Mathematik zu studieren. Zurück in Deutschland schloss er das Studium 1949 ab und bewarb sich erfolgreichfür die Doktorarbeit bei Carl Friedrich von Weizsäcker am Göttinger Max-Planck-Instituts für Physik. Dort fand Lüst zu seinem späteren wissenschaftlichen Schwerpunkt, der Astrophysik. Bereits 1951 schloss er die Promotion ab. Nach Forschungsaufenthalten in den USA habilitierte er sich 1960 an der LMU München.

Im gleichen Jahr berief ihn die Max-Planck-Gesellschaft als Wissenschaftliches Mitglied ans damalige Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München. Schnell machte er sich wissenschaftlich einen Namen. So gelang es ihm beispielsweise, mithilfe künstlicher Kometen aus Bariumatomen den Sonnenwind zu messen. Aus diesem Forschungszweig erwuchs kurz darauf das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik mit Lüst als Gründungsdirektor.

Lüsts Forschungen waren Pionierleistungen auf dem Gebiet der theoretischen Plasmaphysik, vor allem der Magnetohydrodynamik. Seine experimentellen Arbeiten waren entscheidende Beiträge, um die Entstehung des Kometenschweifs zu erklären. Er baute dabei auf Erkenntnisse von Ludwig Biermann auf, den er aus Göttinger Zeiten kannte.

Biermann hatte Anfang der 1950er-Jahre herausgefunden, dass Kometen einen Schweif haben, der aus ionisierten Teilchen besteht, die von der solaren Korpuskularstrahlung (dem Sonnenwind) beeinflusst und abgelenkt werden. Lüst diskutierte mit ihm, wie man einen künstlichen Kometenschweif erzeugen und damit diese Theorie überprüfen könnte. Als Ausgangsprodukt für den Kunstschweif erwies sich eine Mischung aus Barium und Kupferoxid als besonders geeignet: Brachte man sie zur chemischen Reaktion, so verdampfte die Mischung und es entstand eine Wolke aus ionisierten Bariumatomen.

Von Beginn der 1960er-Jahre an wurden im Institut entwickelte Bariumbehälter mit Hilfe französischer Raketen in große Höhen geschossen, um hier künstliche Kometenschweife zu produzieren. Sie machten den Sonnenwind sichtbar und traten bei späteren Experimenten des Instituts auch mit dem Erdmagnetfeld in Wechselwirkung. Von der Erde aus waren sie als längliche farbige Wolken zu beobachten, die sich längs der Linien des Erdmagnetfeldes ausrichteten.

Lüst trug damit zu den erfolgreichen Anfängen einer deutschen Weltraumforschung bei und engagierte sich weit über das Institut hinaus für die wissenschaftlichen Belange der Raumfahrt. So wurde er bereits in den Anfangsjahren der neu gegründeten European Space Research Organisation (ESRO) zum wissenschaftlichen Direktor ernannt, später zu deren Vizepräsident.

Ab Ende der 1960er-Jahre sammelte Lüst zudem als Vorsitzender des deutschen Wissenschaftsrats Erfahrungen in Wissenschaftsmanagement und -politik. Diese konnte er in seiner Zeit als Max-Planck-Präsident gewinnbringend einsetzen und erweitern. Als Lüst 1972 mit 49 Jahren das Amt des MPG-Präsidenten antrat, waren die goldenen Zeiten des Wachstums erst einmal vorbei und es galt, die Zukunftsfähigkeit der Max-Planck-Gesellschaft trotz des real stagnierenden Budgets auszubauen.

Lüst musste in seiner Amtszeit nach eigenen Angaben 20 Abteilungen, Forschungsstellen und Institute schließen. Durch die freiwerdenden Kapazitäten konnte er zwölf neue Institute in zukunftsweisenden Gebieten etablieren: beispielsweise in der Meteorologie, der Neurologie oder der Gesellschaftsforschung. Mehrere weitere wurden umgewidmet oder zusammengeführt. Zudem führte er Projektgruppen ein, aus denen später zum Teil Max-Planck-Institute hervorgingen.

Reimar Lüst baute insbesondere die Auslandsaktivitäten der Max-Planck-Gesellschaft deutlich aus. Unter seiner Ägide beteiligte sich die Max-Planck-Gesellschaft vermehrt an nationalen und vor allem internationalen Großforschungseinrichtungen und Projekten wie dem Berliner Elektronenspeicherring für Synchrotronstrahlung (BESSY), dem deutsch-französischen Institut für Radioastronomie im Millimeterbereich (IRAM) oder dem Joint European Torus (JET) in Großbritannien. Die wohl nachhaltigste Entscheidung war sein Brückenschlag nach China: Die Kontakte, die er bereits 1974 zwischen der Max-Planck-Gesellschaft und der Chinesischen Akademie der Wissenschaft knüpfte, legten die Basis für die bis heute fruchtbare wissenschaftliche Zusammenarbeit.

Nach zwei Amtszeiten als MPG-Präsident blieb Lüst der Wissenschaftspolitik treu. Als Generaldirektor der europäischen Weltraumorganisation ESA etablierte er die damals noch junge Organisation als international anerkannten Partner in der Raumfahrt. 1989 wurde Lüst Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung und erschloss in den darauffolgenden zehn Jahren neue Regionen in Afrika, Osteuropa und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.

Lüst blieb bis ins hohe Alter aktiv. Mit 76 Jahren brachte er bei der Gründung der International University Bremen, heute Jacobs University, als Chairman of the Board of Governors seine Erfahrungen und Kontakte ein. Noch mit über 90 Jahren arbeitete er regelmäßig in seinem Büro am MPI für Meteorologie, besuchte Veranstaltungen und hielt Vorträge. Ebenso nahm er weiterhin an den Senats- und Sektionssitzungen der Max-Planck-Gesellschaft teil.

Max-Planck-Gesellschaft / DPG / Alexander Pawlak

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