Forschung

Ungewöhnliche Art von Magnetismus

08.10.2021 - Kollektive Wirbelbewegung wechselwirkender Elektronen in Strontiumruthenat existiert unabhängig neben Supraleitfähigkeit.

Seit der Entdeckung der Supraleitfähigkeit von Strontiumruthenat (Sr2RuO4) im Jahr 1994 wurden hunderte von Studien über dieses Material veröffentlicht, die dessen einzigartige Eigenschaften beschreiben. Durch diese Eigenschaften gilt Strontium­ruthenat als das hoch­interessantes Material für die Entwicklung von Zukunftstechnologien wie der supra­leitenden Spintronik und der Quanten­elektronik, da es in der Lage ist, gleichzeitig verlustfrei elektrische Ströme und magnetische Informationen zu übertragen. Eine der interessantesten offenen Fragen, nämlich warum der supraleitende Zustand von Strontium­ruthenat einige Eigenschaften aufweist, die sonst typisch für Ferromagnete sind, die als Gegenspieler von Supraleitern gelten, konnte nun von einem internationalen Team unter Leitung der Universität Konstanz beantwortet werden: Strontium­ruthenat weist eine neue Form von Magnetismus auf, die gleichzeitig mit der Supraleitung vorliegen kann, die aber auch unabhängig von der Supraleitung existiert.

 

Nach einer mehrjährigen Forschungsstudie, an der 26 Forscher von neun verschiedenen Universitäten und Forschungs­­einrichtungen beteiligt waren, ist das fehlende Puzzleteil für diese neue Form des Magnetismus gefunden worden. Beteiligt waren neben der Universität Konstanz die Universitäten Salerno (Italien), Cambridge (England), Seoul (Südkorea), Kyoto (Japan) und Bar Ilan (Israel) sowie die Japanische Atom­energie­behörde, das Paul Scherrer Institut (Schweiz) und das Centro Nazionale delle Ricerche (Italien).

„Trotz jahrzehntelanger Forschung zu Strontiumruthenat hatte es keinen Nachweis für diese untypische Art von Magnetismus bei diesem Material gegeben. Vor einigen Jahren haben wir uns jedoch gefragt, ob die leicht andere Anordnung der Atome an der Oberfläche dieses Materials auch zu einer elektronischen Ordnung mit magnetischen Eigenschaften führen könnte. Wir gingen dieser Frage weiter nach und stellten fest, dass dazu wohl nicht geforscht worden war, weil niemand das richtige Werkzeug zur Verfügung hatte, um Beweise für diesen Magnetismus zu finden, von dem wir annahmen, dass er extrem schwach und nur auf einige wenige Atomschichten an der Oberfläche des Materials beschränkt sein könnte“, erklärt Angelo Di Bernardo, der an der Universität Konstanz zu supraleitenden spintronischen und Quanten­bauelementen forscht und diese internationale Studie leitete.

Für das Experiment verwendete das Team hochwertige Strontium­ruthenat-Einzel­kristalle, die von der Gruppe um Antonio Vecchione vom Centro Nazionale delle Ricerche (CNR) in Salerno hergestellt wurden. „Große Strontium­ruthenat-Kristalle ohne Verunreinigung herzustellen war eine große Herausforderung, aber notwendig für den Erfolg des Experiments, denn Materialdefekte hätten ein magnetisches Signal ausgesendet ähnlich demjenigen, das wir suchten“, erklärt Antonio Vecchione.

Das besondere Werkzeug, das die Wissenschaftler zur Entdeckung des neuen Magnetismus benutzten, ist ein Teilchenstrahl aus Myonen, die in einem Teilchen­beschleuniger am Paul Scherrer Institut (PSI) in der Schweiz hergestellt werden. „Am PSI verfügen wir über eine weltweit einzige Anlage zur Herstellung von Myonen, die mit einer Präzision von wenigen Nanometern in Materialien eingebracht werden können. Diese Teilchen, mit denen sich extrem kleine Magnetfelder aufspüren lassen, konnten sehr nahe an der Oberfläche von Strontium­ruthenat gestoppt werden, was für den Erfolg des Experiments entscheidend war", sagt Zaher Salman, der das Experiment an der Myonen-Anlage des PSI koordinierte.

„Es war eine wirklich schöne Erfahrung, die Messungen in einer internationalen Großforschungsanlage wie dem PSI durchzuführen und mit einer so großen Gruppe von inspirierenden Forschern aus aller Welt zusammen­zuarbeiten, und dies schon seit Beginn meiner Promotion in Konstanz", sagt Roman Hartmann, Doktorand und als Erstautor maßgeblich an der Studie beteiligt.

Die Autoren haben außerdem ein theoretisches Modell entwickelt, das einen Vorschlag für den Ursprung dieses verborgenen Oberflächen­magnetismus macht. „Im Gegensatz zu konventionellen magnetischen Materialien, deren magnetische Eigenschaften auf die quantenmechanische Eigenschaft des Elektronspins zurückzuführen sind, liegt dem in Strontium­ruthenat entdeckten Magnetismus eine kollektive Wirbel­bewegung wechsel­wirkender Elektronen zugrunde, die Kreisströme im Nanometerbereich erzeugt“, erklärt Mario Cuoco vom CNR, der die Theorie zusammen mit Maria Teresa Mercaldo und anderen Kollegen der Universität Salerno ausgearbeitet hat.

Wie Jason Robinson von der Universität Cambridge betont, bestätigen die Ergebnisse, dass „physikalische Eigenschaften an der Oberfläche komplexer Materialien oder an inneren Grenzflächen in dünnen Lagenstrukturen dramatisch verändert werden können und dass diese Veränderungen für die Entdeckung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Grundlagen- und angewandten Forschung sowie für die Konzeption und Entwicklung von Quanten­bauelementen genutzt werden können.“

Zu den weiteren Co-Autoren des Projekts gehört auch Yoshiteru Maeno von der Universität Kyoto, der Wissenschaftler, der 1994 erstmals die Supraleitung in Strontium­ruthenat entdeckte und seitdem zu einigen der wichtigsten Studien über dieses Material beigetragen hat.

„Diese Entdeckung löst nicht nur ein langjähriges Rätsel und macht das Kult-Material Strontium­ruthenat noch interessanter als zuvor, sondern kann auch neue Untersuchungen anstoßen, die schließlich zur Beantwortung anderer wichtiger offener Fragen in der Material­wissenschaft beitragen“, sagt Elke Scheer, Leiterin der Arbeitsgruppe Mesoskopische Systeme an der Universität Konstanz und eine weitere Leiterin des Projekts.

Die neue Art von Magnetismus, die in Strontiumruthenat entdeckt wurde, ist grundlegend wichtig für das Verständnis seiner anderen physikalischen Eigenschaften, wie zum Beispiel seiner unkonventionellen Supraleitung. Die bedeutsame Entdeckung könnte auch zur Suche nach dieser neuen Form des Magnetismus in anderen, ähnlichen Materialien führen. Dann könnte man verstehen, wie dieser Magnetismus für neuartige Anwendungen der Quanten­elektronik gesteuert werden kann.

U. Konstanz / DE

 

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