Forschung

Quasar wiegen leicht gemacht

29.09.2021 - Spektroastrometrie erlaubt Untersuchung leuchtkräftiger Quasare im frühen Universum.

Astronomen vom MPI für Astronomie haben erstmalig erfolgreich eine neue Methode zur Bestimmung der Massen von schwarzen Löchern in Quasaren erprobt. Diese Methode wird Spektro­astrometrie genannt und fußt auf der Vermessung von Strahlung, die von Gas in der Umgebung der super­massereichen schwarzen Löcher stammt. Die Messung ermittelt gleichzeitig die Geschwindigkeit des strahlenden Gases und seinen Abstand vom Zentrum der Akkretions­scheibe, von der Material in das schwarze Loch strömt. Die hohe Empfindlichkeit der Messmethode ermöglicht die Erforschung der Umgebung leucht­kräftiger Quasare und super­massereicher schwarzer Löcher im frühen Universum.

 

In der Kosmologie ist die Massenbestimmung der super­massereichen schwarzen Löcher im jungen Universum eine wichtige Messung, um die zeitliche Entwicklung des Kosmos nachvollziehen zu können. Nun ist es Felix Bosco in enger Zusammenarbeit mit Jörg-Uwe Pott, beide vom Max-Planck-Institut für Astronomie (MPIA) in Heidelberg, sowie den ehemaligen MPIA-Forschern Jonathan Stern (jetzt Tel Aviv University, Israel) und Joseph Hennawi (jetzt UC Santa Barbara, USA und Universiteit Leiden, Niederlande) zum ersten Mal gelungen, die Machbarkeit der direkten Massenbestimmung eines Quasars mit Hilfe der Spektro­astrometrie nachzuweisen.

Diese Methode erlaubt, die Masse von weit entfernten schwarzen Löchern in leuchtkräftigen Quasaren direkt aus optischen Spektren zu ermitteln, ohne dass weitreichende Annahmen über die räumliche Gasverteilung erforderlich sind. Die spektakulären Einsatzmöglichkeiten der spektro­astrometrischen Bestimmung von Quasarmassen wurde bereits vor einigen Jahren am MPIA systematisch untersucht.

Quasare beherbergen supermassereiche schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien und gehören zu den hellsten kosmischen Objekten. Daher sind sie über große Distanzen nachweisbar und ermöglichen somit die Erforschung des frühen Universums. Befindet sich Gas in der Nähe eines schwarzen Lochs, wird es angezogen, kann jedoch nicht auf direktem Weg hineinstürzen. Stattdessen bildet sich eine Akkretions­scheibe aus, ein Strudel, mit dessen Hilfe die Materie in das schwarze Loch strömt. Hohe Reibungskräfte in diesem Materiestrom, der letztendlich das schwarze Loch füttert, heizen die Akkretions­scheibe auf einige Hundert­tausend bis eine Million Grad auf. Die Intensität der dabei ausgesandten Strahlung lässt die Quasare so hell erscheinen, dass sie alle Sterne der Galaxie überstrahlen.

Seit einigen Jahrzehnten sind weitere Komponenten innerhalb von Quasaren bekannt wie die sogenannte „broad emission-line region“ (BLR), eine Zone, in der ionisierte Gaswolken mit Geschwindigkeiten von einigen Tausend Kilometern pro Sekunde das zentrale schwarze Loch umkreisen. Die intensive und energiereiche Strahlung der Akkretions­scheibe regt das Gas in der BLR zur Emission an, die in den Spektren in Form von Spektrallinien sichtbar wird. Aufgrund des Doppler­effekts sind sie durch die hohen Umlaufgeschwindigkeiten jedoch stark verbreitert und geben so der BLR ihren Namen.

Felix Bosco und seine Kollegen haben nun die optisch hellste Spektrallinie des Wasserstoffs (Hα) in der BLR des Quasars J2123-0050 im Sternbild Wassermann vermessen, dessen Licht aus einer Zeit stammt, als das Universum gerade einmal 2,9 Milliarden Jahre alt war. Mit der Methode der Spektroastrometrie haben sie den wahrscheinlichen Abstand der Strahlungsquelle in der BLR zum Zentrum der Akkretions­scheibe ermittelt, wo das super­massereiche schwarze Loch vermutet wird. Gleichzeitig liefert die Hα-Linie die Radial­geschwindigkeit des Wasserstoffgases, also jene Geschwindigkeitskomponente, die in Richtung Erde weist. So wie die Masse der Sonne die Bahngeschwindigkeiten der Planeten des Sonnensystems bestimmt, lässt sich aus diesen Daten die Masse des schwarzen Lochs im Zentrum des Quasars präzise ermitteln, wenn die Gasverteilung räumlich aufgelöst werden kann.

Selbst für die heutigen Großteleskope ist die Ausdehnung der BLR dafür tatsächlich aber viel zu klein. „Allerdings können wir durch die Trennung von spektraler und räumlicher Information im einfallenden Licht, sowie durch statistische Modellierung der Messdaten Abstände von sehr viel weniger als einem Bildpixel zum Zentrum der Akkretions­scheibe sichtbar machen“, erklärt Felix Bosco. Die Präzision der Messung wird durch die Dauer der Beobachtungen bestimmt.

Für J2123-0050 errechneten die Astronomen so eine Masse des schwarzen Lochs von höchstens 1,8 Milliarden Sonnenmassen. „Die exakte Massen­bestimmung war noch gar nicht das Hauptziel dieser ersten Beobachtungen“, sagt Jörg-Uwe Pott, Co-Autor und Leiter der Arbeitsgruppe „Schwarze Löcher und Akkretions­mechanismen“ am MPIA. „Wir wollten stattdessen zeigen, dass die Methode der Spektro­astrometrie prinzipiell bereits mit Hilfe der heute verfügbaren Acht-Meter-Teleskope die kinematische Signatur der zentralen Quasarmassen nachweisen kann.“

Die Spektroastrometrie könnte damit eine wertvolle Erweiterung der Werkzeuge sein, mit der Forscher Massen von schwarzen Löchern bestimmen. Joe Hennawi ergänzt: „Mit der deutlich gesteigerten Empfindlichkeit des James Webb Weltraumteleskops (JWST) und des derzeit im Bau befindlichen Extremely Large Telescope (ELT) mit einem Haupt­spiegel­durchmesser von 39 Metern werden wir in naher Zukunft Quasar­massen bei höchsten Rotverschiebungen bestimmen können.“ Jörg-Uwe Pott, der auch die Heidelberger Beiträge zur ersten Nahinfrarotkamera MICADO des ELT leitet, fügt hinzu: „Die jetzt veröffentlichte Machbarkeitsstudie hilft uns dabei, unsere geplanten ELT-Forschungs­programme auszu­definieren und vorzubereiten.“

Zu den Alternativen der Vermessung von BLR in nahen Quasaren zählt eine heute weit verbreitete Methode: das „Reverberation Mapping“ (RM, Echolot­kartierung). Sie basiert auf der Bestimmung der Lichtlaufzeit, die eine Helligkeitsschwankung in der Akkretions­scheibe benötigt, um das umliegende Gas zur erhöhten Strahlung anzuregen. Daraus kann die mittlere Ausdehnung der BLR abgeschätzt werden. Diese Methode hat jedoch neben den teils erheblichen Unsicherheiten in den Annahmen entscheidende Nachteile bei der Vermessung der massereichsten und entferntesten schwarzen Löcher im Vergleich zur Spektro­astrometrie. Der Durchmesser der BLR korreliert mit der Masse des zentralen schwarzen Lochs, so dass die Signalverzögerung zwischen der Akkretions­scheibe und der BLR für massereiche schwarze Löcher im frühen Universum sehr groß und die notwendigen Messreihen von mehreren Jahren undurchführbar lang werden.

Zudem nehmen die Helligkeits­schwankungen, und damit die Messbarkeit, tendenziell mit zunehmender Masse des schwarzen Lochs und steigender Quasar­leuchtkraft ab. Die Methode des RM ist daher für leuchtkräftige Quasare nur selten anwendbar und eignet sich deswegen nicht für das Ausmessen von Quasaren auf großen kosmologischen Entfernungen.

Allerdings dient das RM als Grundlage zur Kalibrierung anderer indirekter Methoden, die für nahe Quasare zunächst etabliert und dann auf weiter entfernte, leucht­kräftige Quasare mit massereichen schwarzen Löchern ausgedehnt wurden. Die Güte dieser indirekten Ansätze steht und fällt mit der Genauigkeit der RM-Methode. Auch hier kann die Spektro­astrometrie helfen, die Massenbestimmung massereicher schwarzer Löcher auf eine breitere Basis zu stellen. So deutet die Auswertung der Daten von J2123-0050 darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen der Größe der BLR und der Quasar­leuchtkraft, der zunächst mit der RM-Methode für eher nahe, leuchtschwache Quasare festgestellt wurde, tatsächlich auch für leuchtstarke Quasare zu stimmen scheint. Weitere Messungen sind hier aber nötig.

Die BLR kann in nahen aktiven Galaxien auch interferometrisch wie beispielsweise mit dem Gravity-Instrument des Very Large Telescope Interferometer (VLTI) vermessen werden. Der große Vorteil der Spektro­astrometrie liegt aber darin, dass lediglich eine einzige hochempfindliche Beobachtung benötigt wird. Zudem erfordert sie weder die technisch sehr komplexe Zusammen­schaltung mehrerer Teleskope wie bei der Inter­ferometrie, noch lange Messreihen über Monate und Jahre hinweg wie beim RM. So reichte der Forschergruppe um Felix Bosco eine einzelne Beobachtungsreihe mit einer Belichtungszeit von vier Stunden mit dem Acht-Meter-Klasse-Teleskop Gemini North auf Hawaii, unterstützt von einem Korrektursystem aus einem Laserleitstern und Adaptiver Optik.

Große Erwartungen setzen die Forscher in die nächste Generation von optischen Großteleskopen wie dem ELT der ESO. Die Kombination von vergrößerter Licht­sammelfläche mit fünffach erhöhter Bildschärfe würde am ELT die hier vorgestellte Beobachtung in wenigen Minuten ermöglichen. Felix Bosco erläutert: „Wir werden mit dem ELT zahlreiche Quasare bei unterschiedlichen Entfernungen in einer einzigen Nacht astrometrisch vermessen, und so die kosmologische Entwicklung der Schwarzlochmassen direkt beobachten können.“ Mit der erfolgreichen astrometrischen Machbarkeitsstudie haben die Autoren eine neue Tür zur Erforschung des frühen Universums weit aufgestoßen.

MPIA / DE

 

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