Panorama

Professor unter Anklage

20.12.2019 - Ein Physikprofessor aus Deutschland wird in Australien von seiner Universität verklagt, weil er sich kritisch zur Zulassungspraxis ausländischer Studierender geäußert hat.

Australien steht Kopf – nicht nur von Europa aus betrachtet: In den letzten drei Jahren ist der Anteil ausländischer Studierender an australischen Universitäten dermaßen stark angestiegen, dass die Qualität der Vorlesungen und Abschlüsse darunter leide, so mahnen Professorinnen und Professoren. Der deutsche Physiker Gerd Schröder-Turk, der als Professor für Mathematik und Statistik an der Murdoch University in Perth tätig ist, äußerte 2018 erstmals Bedenken zur Zulassungspraxis ausländischer Studierender und sieht sich derzeit konfrontiert mit einer Anklage auf Schadensersatz in Millionenhöhe durch die eigene Universität.

Doch der Reihe nach. Das Vergabesystem für Visa in Australien wurde 2016 vereinfacht: Die Universitäten erhielten mehr Verantwortung und sollten eigenständig die Zulassungsvoraussetzungen ausländischer Studierender prüfen, unter anderem durch Englischtests. Seitdem ist der Anteil ausländischer Studierender sig­nifikant gestiegen. Einem Bericht des Australian Population Research Institute zufolge betrug dieser 2016 bereits 26,7 Prozent und lag damit deutlich über entsprechenden Werten in den USA oder in Großbritannien. 2017 war der Anteil ausländischer Studierender auf 28,9 Prozent gestiegen, an manchen Universitäten sogar auf über 40 Prozent. So machten an der University of Sydney die Studiengebühren ausländischer Studierender im Jahr 2017 (42,9 Prozent) insgesamt 28,1 Prozent des Hochschulumsatzes aus.

Damit hat sich das internationale Bildungssystem laut ABC News zur drittgrößten Exportindustrie Australiens entwickelt mit einem Wert von 34 Milliarden Dollar pro Jahr.  Für die unterfinanzierten Universitäten kann jeder Studierende mehr als 60 000 Dollar wert sein. Aus diesem Grund würden auch Studierende zugelassen, die nicht die erforderlichen Englischkenntnisse hätten, mahnte unter anderem Gerd Schröder-Turk. Diese Studierenden seien von Anfang an zum Scheitern verurteilt, was ethisch und moralisch nicht zu vertreten sei. Denn die ausländischen Studierenden stehen unter extrem hohem Erfolgsdruck, da manche Familien ihre gesamten Ersparnisse aufwenden, um das Studium im Ausland zu finanzieren.
 

Im Mai 2019 strahlte das ABC „Four Corners Program“, eine australische Dokumentarfilmreihe, die Sendung „Cash Cows“ aus. Darin ging es um die rapide steigende Zahl ausländischer Studierender – insbesondere aus China und Indien – an australischen Universitäten, die teilweise ohne fundierte Prüfung ihrer Englischkenntnisse aufgenommen werden. Dies führte dazu, dass in den letzten Jahren die Zahl der Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens sowie die Durchfallquote in Prüfungen anstiegen. 

In der Sendung kommen Gerd Schröder-Turk und weitere Dozenten der Murdoch University zu Wort, an welcher der Anteil ausländischer Studierender von 2017 auf 2018 um 92 Prozent gestiegen ist. „Ich habe sehr ernste ethische Bedenken angesichts der Art und Weise, wie wir internationale Studierende rekrutieren“, sagte Schröder-Turk in der Sendung. „Ich bin sowohl um das Wohl der Studenten besorgt als auch um die akademische Integrität.“ Gerd Schröder-Turk sitzt als gewählter Vertreter im Universitätssenat und hatte in den Monaten vor der Sendung seine Sorge in verschiedenen Universitätsgremien geäußert – doch ohne Erfolg. 

Nach Ausstrahlung der Sendung wies Vizekanzlerin Eeva Leinonen in einer E-Mail an Studierende die Vorwürfe zurück. Die Zulassungsvoraussetzungen seien nicht gesenkt worden, und die Universität sei stolz darauf, eine „globale Universität“ zu sein. Als Schröder-Turk aufgrund seiner öffentlichen Äußerungen aus dem Senat entfernt werden sollte, legte er Widerspruch ein. Daraufhin verklagte ihn die Murdoch University auf Schadenersatz, da die Zahl ausländischer Studierender nach der Sendung um knapp 15 Prozent weniger gestiegen sei als prognostiziert und der Universität nun Studiengebühren in Millionenhöhe entgingen. Dieses Vorgehen steht im krassen Gegensatz zur Reaktion der University of Tasmania, die nach der Sendung eine Expertin berufen hat, um die eigenen Rekrutierungspraktiken zu überprüfen. 

Das Verhalten der Murdoch University rief zahlreiche Proteste hervor: Führende Wissenschaftler Australiens wiesen in einem offenen Brief auf die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit hin. Das Australian Institute of Physics unterstützte Gerd Schröder-Turk in einem öffentlichen Statement und forderte die Universität auf, ihre Klage fallen zu lassen. Auch das Physik-Department der Universität Erlangen-Nürnberg, wo Schröder-Turk habilitiert hatte, richtete sich in einem offenen Brief an Vizekanzlerin Leinonen und wies darauf hin, dass die höchsten akademischen Standards einen offenen und transparenten Dia­log erfordern und es daher legitim sei, berechtigte Zweifel an Organisationsstrukturen zu äußern. Eine Online-Petition zur Unterstützung des Whistleblowers Schröder-Turk hat bereits mehr als 32 000 Unterschriften erhalten (Stand 20. Dezember 2019). 

Die Klage der Murdoch University gegen ihren eigenen Mitarbeiter könnte zum Präzedenzfall werden – was das Recht auf freie Meinungsäußerung betrifft und auch die akademischen Standards, die bei der Zulassung ausländischer Studierender angesetzt werden.

Maike Pfalz
 

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