Forschung

Physiker und Grenzgänger

20.05.2014 - Hans-Peter Dürr, Mitarbeiter und Nachfolger von Werner Heisenberg und Träger des Alternativen Nobelpreises, ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Die Karriere des theoretischen Physikers Hans-Peter Dürr lässt sich nicht auf die reine Physik begrenzen. Ähnlich wie Carl-Friedrich von Weizsäcker engagierte sich Dürr in philosophischen und gesellschaftlichen Fragen und machte sich einen Namen als Friedens- und Umweltaktivist.

Geboren wurde Dürr am 7. Oktober 1929 in Stuttgart, wo er auch Physik studierte und 1953 sein Diplom erwarb. Anschließend ging er an die University of California in Berkeley, wo er 1956 bei Edward Teller, dem Vater der Wasserstoffbombe, in theoretischer Kernphysik promovierte. „Teller war […] ein enorm einfallsreicher, leidenschaftlich engagierter und anregender, wenn auch, wegen seiner recht eigenwilligen und intuitiven Denkweise, kein einfacher Gesprächspartner. Wir hatten beide Freude an unlösbar erscheinenden Problemen“, erinnerte sich Dürr im Nachruf auf seinen Doktorvater.

1958 ging Dürr an das gerade nach München umgezogene „Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik“ und war dort bis 1976 der engste Mitarbeiter Werner Heisenbergs, insbesondere beim Versuch, eine vereinheitlichte Feldtheorie der Elementarteilchen aufzustellen. Doch Heisenbergs nichtlinearer Spinortheorie war letztlich kein Erfolg beschieden. 1962 habilitierte Dürr sich an der Universität München, wo er ab 1969 außerplanmäßiger Professor war. Von 1978 bis 1980 und von 1987 bis 1992 war Dürr geschäftsführender Direktor des MPI für Physik und trat damit gewissermaßen in die Fußstapfen von Heisenberg.

Ende der Siebzigerjahre wandte sich Dürr mehr und mehr übergreifenden Fragen zu, wie der Verantwortung des Wissenschaftlers, Abrüstung und Friedenssicherung sowie philosophischen und erkenntnistheoretischen Problemen. Zu all diesen Themen veröffentlichte er zahlreiche Artikel und Bücher. Zudem engagierte er sich jahrzehntelang in entsprechenden Gremien wie der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und der deutschen Gruppe der „Pugwash Conferences on Science and World Affairs“, deren Einsatz für nukleare Abrüstung und die friedliche Lösung von Konflikten 1995 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde.

Hans-Peter Dürr erhielt 1987 den „Right Livelihood Award“ verliehen, der auch als Alternativer Nobelpreis bekannt ist. Damit wurde insbesondere sein kritisches Engagement gegen das Strategic Defense Initiative (SDI) gewürdigt, die der damalige US-Präsident Ronald Reagan zum Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen ins Leben gerufen hatte. Im selben Jahr gründete Dürr in Starnberg den Verein Global Challenges Network e. V. (GCN), der sich zum Ziel setzte, ein Netz aus Unternehmen und Gruppen zu knüpfen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.

In seinen späteren Jahren befasste sich Hans-Peter Dürr in Vorträgen und Publikationen mit einer „ganzheitlichen Physik“, die den Bogen von der Naturwissenschaft bis zur Religion spannte, wobei er den Begriff der Materie grundsätzlich infrage stellte und eine fast mystisch zu nennenden Weltsicht entwickelte.

Dürr war Mitglied des Club of Rome und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrendoktorwürde der Universität Oldenburg und das Ehrenbürgerrecht der Stadt München. 2004 erhielt er das große Bundesverdienstkreuz. Bei dieser Gelegenheit formulierte Dürr sein Selbstverständnis: „Ich bin nur ein Stellvertreter für die große Menge zivilcouragierter Bürgerinnen und Bürger, die als ‚Dritte Kraft‘ im Staat, neben der Politik und der Wirtschaft, auf vielfältige Weise Verantwortung übernommen haben.“

Alexander Pawlak