Forschung

Hanns Ruder gestorben

22.10.2015 - Zum Tode des Tübinger Astrophysikers Hanns Ruder

Nach schwerer Krankheit ist der Tübinger Astrophysiker Hanns Ruder am 17. Oktober im Alter von 75 Jahren gestorben. Bekannt wurde Ruder durch seine öffentlichkeitswirksamen Vorträge zur Visualisierung der Relativitätstheorie. Mit ausgefeilten Computersimulationen ist es ihm gelungen, relativistische Effekte plastisch vor Augen zu führen, beispielsweise durch die relativistische Radtour durch Tübingen. Wer einen seiner Vorträge erleben durfte, lernte Ruder als begeisternden Wissensvermittler kennen, der mit leuchtenden Augen vor seinem Laptop saß und sichtlich fasziniert war von seinen beeindruckenden Simulationen.

Hanns Ruder wurde am 3. November 1939 in Nürnberg geboren. Er studierte Physik an der Universität Erlangen-Nürnberg, promovierte 1967 „Zur Lösung des quantenmechanischen Dreikörperproblems“ und habilitierte sich fünf Jahre später mit dem Thema „Zur exakten Behandlung von kollektiven Rotationen“. Anschließend war er wissenschaftlicher Rat und ab 1978 Professor für Theoretische Physik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 2006 war er Professor für Theoretische Astrophysik an der Universität Tübingen.

Die Idee zur Visualisierung relativistischer Effekte kam im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 382 zur „Simulation physikalischer Prozesse auf Höchstleistungsrechnern“, deren Sprecher Ruder von 1994 bis 2006 war. Um die Ergebnisse zu Schwarzen Löchern und Neutronensternen zu veranschaulichen, griff Ruder eine Idee George Gamovs auf, der in einem seiner Bücher eine fiktive Welt beschreibt, in der die Lichtgeschwindigkeit nur 30 km/h beträgt. Auf Ruders Einsatz für die öffentlichkeitswirksame Darstellung der Physik gehen die heutigen SFB-Teilprojekte zur Öffentlichkeitsarbeit zurück.

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Vor drei Jahren erhielt Hanns Ruder für seine Verdienste um die Popularisierung der Physik die Lorenz-Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. (Bild: GDNÄ)

2004 organisierte Hanns Ruder eine Ausstellung in Ulm zum 125. Geburtstag Albert Einsteins. Dafür entwickelte er die relativistische Fahrradtour durch Tübingen. Im Einstein-Jahr 2005 gab es Ausstellungen in Bern, München, Taiwan und Barcelona. Zudem hielt Ruder mehr als 200 Vorträge über die Relativitätstheorie, die ihn auch ins Fernsehen zum „Tigerentenclub“ brachten. In diesem Jahr war er ein wichtiger Ratgeber für die DPG und „Motor“ für viele Veranstaltungen. Sein Abendvortrag bei der DPG-Tagung in Berlin war dermaßen gefragt, dass selbst zwei große Vortragsräume nicht ausreichten für all die interessierten Zuschauer.

Die DPG würdigte Hanns Ruders außergewöhnlichen Leistungen im Jahr 2002 mit dem Robert-Wichard-Pohl-Preis und 2006 mit der Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik. Von 2002 bis 2009 war Hanns Ruder Mitglied des Preiskomitees für den Georg-Kerschensteiner-Preis.

Hanns Ruders Exponate waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Als Publikumsrenner erwies sich der „relativistische Drahtesel“ – ein Fahrsimulator, der aus einem Heimtrainer und einer Leinwand besteht, auf der ein computergeneriertes Abbild der Tübinger Altstadt erscheint. Der Clou: Weil die Computersimulation die Lichtgeschwindigkeit künstlich herabsetzt, werden relativistische Effekte bereits beim Fahrradtempo sichtbar. Je schneller die Fahrt, desto stärker verzerren sich die Häuserfronten, als würde man sie durch ein Fischauge betrachten. Diese Arbeiten leben unter anderem weiter in der „Stiftung Interaktive Astronomie und Astrophysik“, in deren Rahmen Einsteinmobile und Robotik-Teleskope für die Schulen betrieben werden, oder in einer riesigen Ausstellung über den Kosmos in Mekka. Hanns Ruder war wissenschaftlicher Berater für diese Ausstellung, zu der ein 1,2-Meter-Teleskop gehört, das in 500 Metern Höhe in einer vergoldeten Kuppel steht.

Maike Pfalz