Rezension

Was euch zu Menschen macht & 100 Jahre Joseph Weizenbaum

Iain S. Thomas, ­Jasmine Wang, GPT-3: Was euch zu Menschen macht, Penguin Random House, München 2022, geb., 208 S., 18 Euro, ISBN 9783424351255

„Das Universum wird dir alles Gute der Welt bringen und dir nichts davon vorenthalten.“ Was wie eine mäßig tiefschürfende Kalenderweisheit klingt, stammt vom Sprachverarbeitungsmodell GPT-3, das mittels Deep Learning Texte generieren kann. Für das Buch „Was euch zu Menschen macht“ haben die Computerwissenschaftlerin Jasmine Wang und der Künstler und Autor Iain S. Thomas GPT-3 mit bedeutenden religiösen und philosophischen Texten gefüttert, von der Bibel und dem Koran über das Daodejing und das tibetische Totenbuch bis hin zu Liedtexten von Leonard Cohen.

Die künstliche Intelligenz hat auf Basis dieses Textkorpus mithilfe eines mächtigen neuronalen Netzes zu Fragen wie „Was ist Liebe?“ oder „Hat die Menschheit Güte verdient?“ – ein Teil der Antwort siehe oben – Stellung genommen und sogar eine Einleitung für das Buch geschrieben. Die Lektüre ließ mir weder warm ums Herz werden noch erstrahlt meine Existenz in neuem Licht. Stattdessen macht sich ein gewisses Unbehagen breit, wenn man daran denkt, was sich jetzt schon an Texten, aber auch Bildern, Musikstücken etc., mit KI erzeugen lässt. Da ist es schade, dass es das Buch versäumt, die technischen Grundlagen und die Methodik von GPT-3 ausführlicher zu erklären und seine guten wie schlechten Implikationen zumindest anzusprechen. 

Dass auch „Eliza“ nicht erwähnt wird, ist ein echtes Versäumnis. Doch das bietet hier die Gelegenheit, das 1966 vom Computerpionier Joseph Weizenbaum (1923 – 2008) entwickelte „klassische“ Dialog-Programm anzusprechen und zu Weizenbaums 100. Geburtstag am 8. Januar an sein wohl bekanntestes Buch zu erinnern: „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ (1978, aktuelle Aufl. 2020), so der ungelenke deutsche Titel für das englische Original „Computer Power and Human Reason“ (1977).

Das immer noch lieferbare Buch ist auch heute noch eine erhellende Lektüre, um sich kritisch mit den Folgen von Computerisierung und KI auseinanderzusetzen und über den Konflikt zwischen technokratischem und ethischem Denken nachzudenken. Weizenbaums Thesen provozieren sicher auch Widerspruch, je nachdem, mit welcher Haltung man sie liest. Wie immer gilt: „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“ Das stammt nicht von einer KI, sondern von Lichtenberg.

Alexander Pawlak

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