Rezension

Hans Jensen, Physiker und Nobelpreisträger. Opportunist oder Widerständler im Dritten Reich?

Kurt Scharnberg: Hans Jensen, Physiker und Nobelpreisträger. Opportunist oder Widerständler im Dritten Reich?, GNT, Berlin und Diepholz 2020, geb.,266 S., 34,80 €, ISBN 9783862251238

Der langjährige Direktor des 1. Instituts für theoretische Physik der Universität Hamburg legt hier eine Art wissenschaftlicher Biographie Hans Jensens (1907 – 1973) mit Schwerpunkt auf die Zeit bis 1948 vor. Während die bislang vorliegenden Texte über Jensen sich auf die Nachkriegszeit in Heidelberg (ab 1948) konzentrierten,1) setzt Scharnberg den Fokus auf die Hamburger Schaffensperioden von Jensen. Das beginnt mit seinem Studium und seiner Promotion über Vielteilchenphysik bei Wilhelm Lenz und geht dann weiter mit Jensens Fortentwicklung der Dichtefunktionalmethode (S. 26ff.) – ein Abschnitt, der allerdings nur für Physiker lesbar sein dürfte.

Der Standort „Hamburg“ ist neben ausführlichen biographischen Angaben zu Wilhelm Lenz die Klammer für diverse weitere ziemlich disjunkt bleibende Abschnitte, unter anderem über Ernst Ising, Wolfgang Pauli oder Willibald Jentschke. Auch der Hamburger Kernphysiker Paul Harteck spielt eine wichtige Rolle in Scharnbergs Text, unter anderem weil Harteck in Hamburg – weniger als hundert Meter von Scharnbergs ehemaligem Büro entfernt – den ersten noch mit Trockeneis gekühlten und moderierten Reaktor der Welt gebaut hat (S. 135ff.). Scharnbergs Kapitel 2 über das deutsche Uranprojekt und den Uranverein ist dennoch zu lang geraten, zumal Jensen dort nur ab und an eine Rolle gespielt hat, insbesondere in Bezug auf Ultrazentrifugen und Anreicherungsfragen).

Interessant für einen Physikhis­toriker wie mich waren vor allem Passagen über Denunziationen gegen Harteck und Jensen während der NS-Zeit (S. 151ff.) und über Jensens Entnazifizierung nach 1945, unter der er sehr litt: Er war in seinem ersten Verfahren 1946 als „Mitläufer“ eingestuft worden, während er selbst sich eher als Widerständler auffasste. Beide Einstufungen dürften ebenso wie die Klassifikation Jensens als „Opportunist“ durch Mark Walker in dessen Buch über den Uranverein2) nicht den Kern der Sache treffen. Scharnberg bringt zahlreiche Belege, die Jensen zu entlasten versuchen und ihn sogar zum „entschiedenen Gegner des Dritten Reiches“ (S. 42) machen. Aber seine freiwillige Meldung zum Heeresdienst und sein Bemühen, in die SA aufgenommen zu werden, sind sicher mehr als nur „politische Taktik im nazi­gegnerischen Sinne“ (S. 40f.). Sein Eintritt in die Partei 1937 im Kontext politischen Drucks wegen seines Habilitationsverfahrens ist doch auch mehr als bloß politische Rücken­deckung für die allerdings bemerkenswerten Aktivitäten seiner Frau, einer Amtsärztin im Ausländerlager Eges­torf (S. 50). All die zitierten Auszüge aus den Persilscheinen seiner Kollegen müssten auch stärker quellenkritisch hinterfragt werden, als Scharnberg dies tut – hier schreibt ein historisch interessierter Physiker, kein mit der Doppelbödigkeit solcher Quellen vertrauter Historiker. Einschlägige his­torische Schriften zum Thema hat Scharnberg in seinem dünnen Literaturverzeichnis mit 65 Einträgen vielfach nicht berücksichtigt.3)

Im Anhang findet man neben Kurzbiographien der wichtigsten Akteure auch Auszüge aus den Briefwechseln von Jensen mit Otto Stern und Werner Heisenberg. Ein ausführliches Personenregister hilft beim Zugriff auf bestimmte Themen. Wegen zahlreicher interessanter Funde Scharnbergs, der für sein Buch an vielen Stellen intensive historische Recherchen angestellt hat, und seinen zum Teil provokativen Thesen zur Neubewertung der Rolle Jensens im Dritten Reich kann ich den Band historisch interessierten Leser:innen sowie physikalischen Fachbibliotheken empfehlen – ohne dass ich alle Bewertungen Scharnbergs in seinem Versuch, „Instituts- und Weltgeschichte mit Wissenschafts­geschichte zu verbinden“ (S. 13) unein­geschränkt teilen würde.

Prof. Dr. Klaus Hentschel

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