Rezension

Friedrich Dürrenmatt zum 100. Geburtstag

„Sind das wirklich die bleibenden Vertreter der heutigen Naturwissenschaft?“, fragte Ernst Brüche im April 1962 kritisch in seinem kommentierten Pressespiegel zur Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ in Zürich.1) Doch sein Fazit lautete: „Trotzdem, man sollte sich das Stück ansehen, die ‚Farce des Weltunterganges‘, den ‚grotesken Totentanz dieser Welt‘, das ‚gnadenlose Stück‘.“

Der 1990 verstorbene Dürrenmatt wäre am 5. Januar 100 Jahre geworden, sein Werk liegt in einer 37-bändigen Ausgabe vor, die im Dezember 2020 revidiert und in neuem Design erschienen ist. Das Stück Die Physiker (Bd. 7) zählt mittlerweile zu den Klassikern des modernen Theaters.

Auch wenn sich in diesem Stück mehr über die Frage der Verantwortung der Wissenschaft als über ihre Praxis lernen lässt, interessierte sich Dürrenmatt zeit seines Lebens vor allem für Physik und ließ dieses Interesse auch in seine Werke einfließen.+) Etwa in die Novelle Der Auftrag (in Bd. 26, auch einzeln), die zunächst als eigenwillige, multiperspektivische Kriminalstory daherkommt, deren Untertitel „Vom Beobachten des Beobachters des Beobachters“ aber auch darauf hindeutet, dass hier Dürrenmatts Beschäftigung mit der Quantenmechanik eingeflossen ist.

Auf Einladung der ETH Zürich hielt er 1979 eine Rede über Albert Einstein. Diese wurde mit Anmerkungen als Buch veröffentlicht und findet sich mit einer Skizze zu einem Nachwort im Band Philosophie und Naturwissenschaft (Bd. 33, auch einzeln), der unter anderem auch Dürrenmatts fragmentarische „Überlegungen zum Gesetz der großen Zahl“ enthält.

In Dürrenmatts „Übungsstück für Schauspieler“ Porträt eines Planeten (Bd. 12), 1970 uraufgeführt, droht gar die Vernichtung der Erde durch eine Supernovaexplosion der Sonne, die dafür astrophysikalisch gesehen aller­dings zu klein wäre. Angesichts des drohendes Endes will der Autor noch im letzten Moment den Planeten und seine gesellschaftlichen Zustände in einem Porträt festhalten.

Dürrenmatt sah sich bestenfalls als physikalisch gebildeter Laie. „Ich bin kein Naturwissenschaftler, ich schreibe Komödien“, sagte er einmal. Diese fielen allerdings oft genug grimmig bis apokalyptisch aus – vielleicht gerade deshalb ein guter Grund, seine Werke wieder oder neu zu lesen.

Alexander Pawlak

+) Vgl. dazu etwa R. Käser, Friedrich Dürrenmatt: Texte im Spannungsfeld von Literaturtheorie und Wissenschaftsgeschichte (1999)

Weitere Infos:

Informationen zu Friedrich Dürrenmatts Werkausgabe und den erwähnten Einzelbänden

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