Rezension

Der nukleare Traum – Die Geschichte der deutschen Atomkraft

Bernhard Ludewig: Der nukleare Traum – Die Geschichte der deutschen Atomkraft, DOM Publishers, 420 S., geb., 98 € ISBN 9783869220888

Dieses Buch sollte man nur an jemanden verschenken, der einen stabilen Tisch hat, denn der kiloschwere Bildband überspannt ausgeklappt rund 80 Zentimeter. Fotograf Bernhard Ludewig hat mit „Der nukleare Traum“ eine fotografische Reise durch die Welt der Atomenergie vorgelegt, die es so wohl noch nicht gegeben hat. Dabei geht es ihm nicht darum, für oder gegen diese Form der Energieerzeugung Stellung zu beziehen, sondern er möchte „den Gegenstand in allen Facetten fassbar machen und zeigen, was ihn ausmacht“, wie er im Vorwort schreibt. Dafür hat er keine Mühen gescheut und sich erfolgreich darum bemüht, Zutritt zu Orten zu erhalten, in die man nicht so einfach gelangt. Er besuchte und dokumentierte neben deutschen Kernkraftwerken wie Biblis oder Grundremmingen auch die innerste Zone von Tschernobyl und seines Unglücksreaktors.

Gleichzeitig erzählt das Buch in den Begleittexten auch die Geschichte der friedlichen Nutzung der Kern­energie, der folgenreichsten techni­schen Utopie der Nachkriegszeit. Daran lässt sich auch die Geschichte der Bundesrepublik nachverfolgen, von den Kontroversen um die zivilen und militärischen Seiten der Kern­energie in den Fünfzigerjahren über die utopischen Versprechungen der Sechziger und die Ernüchterung und Auseinandersetzungen im Laufe der Siebziger- und Achtzigerjahre. Dazu kommen die Unglücksfälle, allen voran die Reaktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima, die eine Energiewende einleiteten, und die Aufbereitungs- und Endlager­problematik, die einen Zeithorizont von vielen Jahrtausenden hat.

Die Reaktorkuppeln und Kühltürme sind mittlerweile Bauikonen des 20. Jahrhunderts. Doch wie sieht die nukleartechnische Welt in ihrem Innersten aus? Wen das interessiert, für den ist dieser Bildband ein Muss. Ludewig zeigt in seinen hervorragend präsentierten Fotografien, wie die monumentalen Kühltürme oder die Kontrollräume von innen aussehen. Die Fotos von Reaktorkernen, Ultrazentrifugen, Brennstäben und vielem anderen mehr haben oft genug nicht nur dokumentarischen, sondern auch künstlerischen Charakter und sind groß genug, um darin mit den Augen „spazierensehen“ zu können. Ludewig durfte auf seiner siebenjährigen Fotoexpedition in La Hague einer Castor-Entladung beiwohnen, einen Ausbildungsreaktor zur Schnell­abschaltung bringen, den Sarkophag von Tschernobyl betreten und sogar die Öffnung eines Leistungs­reaktors fotografieren.

Die Bildunterschriften hätten in vielen Fällen sicher noch länger ausfallen können, um Details zu erläutern, aber dafür gibt es einen einleitenden historischen Streifzug in die (Vor-)Geschichte der Kernenergie und eine Einführung in die kernphysikalischen Grundlagen vom studierten Physiker und Wissenschaftsjournalisten Dirk Eidemüller. Erklärende Sachtexte und Ludewigs persönliche Ein­drücke begleiten die Kapitel, die neben Themen wie „Forschung“, „Uran“ und „Kraftwerke“ auch Aspekte wie „Ausbildung“ und „Atommüll“ behandeln. Den Abschluss bilden eine architektonische Betrachtung und Konstruktionspläne, die einen ganz eigenen ästhetischen Reiz entfalten.

Alexander Pawlak

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