Rezension

Andrej Sacharow

Gennady Gorelik: Andrej Sacharow, Birkhäuser, Basel 2013, 404 S., geb., 49,95 Euro, ISBN 9783034804738

„Er war aus dem Stoff, aus dem die großen Physiker gemacht sind“ sagte Vitalij Ginsburg einmal über Andrej Sacharow. Der spätere Friedensnobelpreisträger besaß eine bei Wissenschaftlern seltene Doppelbegabung und war nicht nur theoretischer Physiker, sondern auch genialer Erfinder und Konstrukteur. Er leistete wichtige Beiträge zur Kosmologie, Plasma- und Elementarteilchenphysik. Sacharow wurde 1945 Schüler von Igor Tamm und trug entscheidend bei zum Bau der sowjetischen Wasserstoffbombe.

Abschreckung durch nukleares Gleichgewicht war für ihn eine Gewissensfrage. Schon früh sorgte er sich um die Gefahren der oberirdischen Atomtests. 1958 erhob er als einziger sowjetischer Physiker seine mahnende Stimme und veröffentlichte eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen der Nukleartests. Er gab auch den entscheidenden Anstoß zum Zustandekommen des Teststoppabkommens. Nach fast 20-jähriger Militärforschung gelang ihm der Wiedereinstieg in die Grundlagenforschung. Er erkannte die Bedeutung myonenkatalysierter Fusions­reaktionen und veröffentlichte 1967 eine Arbeit zur Baryonen-Asymmetrie des Weltalls. In einer kosmologischen Arbeit führte er die Gravitation auf Fluktuationen des Quantenvakuums zurück.

1968 trat er mit einer vielbeachteten Schrift an die Weltöffentlichkeit, in der er zu Koexistenz und Kooperation zwischen West und Ost aufrief. Für ihn lag der Schlüssel, eine evolutionäre Konvergenz der Systeme zu erreichen, darin, die Menschenrechte zu achten. Auf die Frage, warum gerade er sich dazu berufen fühlte, gegen das mächtige Sowjetregime aufzubegehren, entgegnete er: „Wer, wenn nicht ich?“ Trotz zahlreicher Repressionen setzte er sich für politisch Verfolgte ein und blieb ein unbeugsamer Regimekritiker und Vordenker des Demokratisierungsprozesses.

Gorelik bettet Sacharows Vita in den wissenschaftshistorischen Kontext ein, beleuchtet dabei aber immer auch den politischen und kulturhistorischen Hintergrund der Zeit. Das Buch ist flüssig geschrieben und richtet sich auch an Nichtphysiker. Man erfährt zahlreiche – vor allem für westliche Leser – unbekannte Fakten zur Geschichte der russischen Wissenschaft. Goreliks Biografie über die Jahrhundertgestalt Sacharow ist – nicht zuletzt auch dank der gelungenen Übersetzung von Helmut Rotter – ein exzellentes und wichtiges Werk, das in keinem Bücherregal fehlen sollte.

Dr. Michael Schaaf, Deutsche Interna­tionale Schule Johannesburg