Rezension

166 Tage im All

A. Gerst und L. Abromeit: 166 Tage im All, Frederking & Thaler, München 2017, 192 S., geb., 40 €, ISBN 9783954161980

Genau 166 Tage hat der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst in der vielleicht ungewöhnlichsten Wohngemeinschaft gelebt, die man sich vorstellen kann – zusammen mit fünf anderen Astronauten (bzw. einer Astronautin) auf der Internationalen Raumstation. Neben dem Experimentierlabor Columbus war sein Lieblingsort im All die Cupola, in der er in seiner knapp bemessenen Freizeit rund 400 000 Fotos von der Erde gemacht hat. Immer wieder hat er seine Fotos – mit persönlichen Gedanken versehen – über die sozialen Medien mit der Weltöffentlichkeit geteilt. Anfang des Jahres ist der Bildband mit einigen fotografischen Highlights von Gersts erster Mission „Blue Dot“ erschienen.

Natürlich lebt das Buch von den großformatigen Fotos, welche Wüstenlandschaften, Tornados, die hauchdünne Atmosphäre, Wellenbewegungen der Ozeane oder das nächtliche Lichtermeer Südeuropas zeigen. Doch „166 Tage im All“ ist weit mehr als „nur“ ein Bildband, denn Alexander Gerst erzählt in den begleitenden Texten sehr persönlich und ausführlich von der gesamten Mission und all seinen Erlebnissen – häufig gespickt mit witzigen Anekdoten. So wollte der erfahrene Pilot Surajew beim Start seine vermeintlich nervösen Mitreisenden beruhigen und fragte die Bodenkontrolle nach seinem Puls. 72 – lautete die Antwort, und „im Übrigen hast du den höchsten Puls von euch dreien“. Mit Reid Wiseman hat sich Gerst in der ISS ein Wettschweben geliefert oder Cappuccinos zugeworfen. Zudem verrät Gerst, wie eine meterlange rote Saucenschlange versehentlich an der Wand der Station landen konnte oder dass er beim Telefonat mit seiner Freundin die Renovierung des Bades besprochen hat.

Sehr lebendig und ausführlich lässt uns Alexander Gerst an seinem Alltag auf der ISS teilhaben, wobei die Geschichte chronologisch erzählt wird und man mit dem Buch so die gesamte Mission Revue passieren lassen kann – inklusive des mehrstündigen Außeneinsatzes von Gerst und Wiseman oder des originellen Reparatureinsatzes, der beim EML-Experiment erforderlich war. Dort klemmte nämlich ein Bolzen, und nach tagelangen Diskussionen mit der Bodenkontrolle schlug Gerst vor, den Bolzen durchzusägen und die Späne mit seiner Rasiercreme aufzufangen.

Gerst erzählt ausführlich von den zahlreichen wissenschaftlichen Experimenten und vom Wert der bemannten Raumfahrt. Er scheut sich nicht, recht persönliche Gedanken mit seinen Lesern zu teilen – schließlich weiß er um seine privilegierte Situation als Astronaut und sieht es als seine Aufgabe, die Öffent­lichkeit an seiner Arbeit Anteil haben zu lassen. Dieses Buch überzeugt sowohl optisch als auch inhaltlich auf ganzer Linie und bietet einen spannenden Einblick in das Leben auf der ISS.

Maike Pfalz

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