Panorama

Rosalyn Yalow: Madame Curie aus der Bronx

19.07.2021 - Zum 100. Geburtstag der Physikerin Rosalyn Yalow, die 1977 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt

„A Mme. Curie from the Bronx“ titulierte das New York Times Magazine die Physikerin Rosalyn Yalow wenige Monate, nachdem sie den Nobelpreis für Medizin für die Entwicklung des Radioimmunoassays erhalten hatte. Die willensstarke Frau aus einem armen, bildungsfernen Elternhaus hatte sich beharrlich Bildung erkämpft und es trotz zweifacher Benachteiligung als Frau und Jüdin bis an die Spitze der Forschung geschafft. Marie Curie war dabei ihr großes Vorbild. Am 19. Juli 2021 wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Rosalyns Mutter Clara war 1890 als Vierjährige mit ihren Eltern von Deutschland nach Amerika ausgewandert. Ihr Vater Simon Sussman war in der Lower East Side von New York aufgewachsen, dem Schmelztiegel der osteuropäischen Einwanderer. Er war Straßenbahnschaffner und führte später ein kleines Kurzwarengeschäft. Das Geld war zur Zeit der Wirtschaftsdepression nicht nur in Rosalyns Elternhaus knapp. So lernte Rosalyn schon früh: „Wenn man etwas wollte, hat man dafür gearbeitet. Das hielt mich nicht davon ab, meine Hausaufgaben zu machen.“

Die Eltern hatten keinen höheren Schulabschluss, aber aus ihrer jüdischen Tradition heraus achteten sie Bildung und wollten sie ihren beiden Kindern ermöglichen. Rosalyn lernte schon vor der Einschulung zu lesen und besuchte mit ihrem älteren Bruder wöchentlich die Bücherei. Ihr Vater bestärkte sie häufig darin, sie sei genauso viel Wert wie ein Junge. Als sie die Schule mit 16 abschloss, erwarten ihre Eltern, dass sie Grundschullehrerin wurde. Doch Rosalyn wollte studieren – und darüber hinaus eine Familie gründen.

Sie besuchte das Hunter College in New York City, ein reines Frauen-College, das keine Studiengebühren erhob. Rosalyn interessierte sich bald für Kernphysik – in den späten 1930er-Jahren ein aufregendes Forschungsgebiet. „Es schien, als brächte jedes bedeutende Experiment einen Nobelpreis ein“, schrieb Rosalyn Yalow in ihren autobiografischen Angaben für das Nobel-Komitee. In dieser Zeit las sie auch die gerade erschienene Biografie Marie Curies, die sie stark prägte. Und sie war dabei, als Enrico Fermi im Januar 1939 an der Columbia University über die Entdeckung der Kernspaltung berichtete.

Rosalyn war entschlossen, Kernphysikerin zu werden, aber sie rechnete sich nur wenig Chancen aus, als Frau an einer der besseren Universitäten ein Stipendium zu bekommen. Auf den Rat ihres Physik-Professors bewarb sie sich als Sekretärin bei Rudolf Schoenheimer, einem führenden Biochemiker am Columbia University’s College of Physicians and Surgeons. Auf diesem Weg konnte sie durch die Hintertür in die Vorlesungen gelangen. Aber sie musste auch stenografieren lernen.

Der bevorstehende Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg bot ihr schließlich die ersehnte Chance. 1941 wurden viele junge Männer eingezogen. So erhielt sie nur wenige Wochen nach ihrem College-Abschluss einen Lehrauftrag an der renommierten University of Illinois. Bei der ersten Versammlung der Fakultät des „College of Engineering“ fand sie sich als einzige Frau unter 400 Männern wieder. Das erste Jahr war hart: einerseits weil Rosalyn bisher nur an Bildungsstätten für Frauen gewesen war, andererseits weil ihr Wissen in der Physik Lücken aufwies. Das holte sie neben ihrer Teilzeitstelle als Dozentin für die Erstsemester in Medizin nach. Zudem war nur ein Professor bereit, sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu beschäftigen.

Schon am ersten Tag an der University of Illinois lernte Rosalyn Sussman ihren späteren Mann Aaron Yalow kennen. Die beiden konnten erst 1943 heiraten, als Aaron seine Assistentenstelle aufgab und ein Forschungsstipendium annahm. So konnte Rosalyn bleiben und an ihrer Dissertation in Kernphysik arbeiten. Parallel übernahm sie die traditionellen Aufgaben der Ehefrau und Hausfrau und später als Mutter zweier Kinder. Die Ehefrau ihres Doktorvaters, Gertrud Goldhaber, bestärkte sie in den schwierigen Jahren des Krieges. Sie war selbst eine ausgezeichnete Physikerin, konnte aber wegen des Nepotismus-Gesetzes nicht an derselben Universität arbeiten wie ihr Mann. Maurice Goldhaber wurde später Direktor der Brookhaven National Laboratories.

Nach Abschluss ihrer Dissertation kehrte Rosalyn Yalow nach New York zurück. Zunächst ohne ihren Mann, der erst im September 1945 folgte, um eine Stelle als medizinischer Physiker am Montefiore Hospital in der Bronx anzutreten. Da Rosalyn keine Stellung in der Kernphysik bekam, arbeitete sie zunächst als Ingenieurin im Forschungslabor des Federal Communications Laboratory – wieder als einzige Frau. Als ihre Arbeitsgruppe New York 1946 verließ, nahm sie einen Lehrauftrag am Hunter College an. Schließlich erhielt sie über Beziehungen ihres Mannes die Gelegenheit, am Veterans Administration Hospital (VA) in der Bronx eines der ersten Radioisotopen-Labore in den Vereinigten Staaten aufzubauen. Die 26-Jährige nahm ihre Arbeit zunächst in der ehemaligen Abstellkammer des Hausmeisters auf. Mit viel Elan begann sie, mit einigen Ärzten die klinische Anwendung von Radioisotopen zu erforschen. In nur zwei Jahren schrieb sie acht Publikationen.

Rosalyn Yalows produktivste Zeit begann 1950, als sie sich entschloss, mit dem Internisten Solomon Berson zusammenzuarbeiten. Ähnlich wie bei Marie und Pierre Curie profitierte das Team von der Interdisziplinarität und den sich ergänzenden Begabungen. Besucher hielten sie aufgrund des vertrauten Umgangs für ein Paar, dabei war jeder glücklich verheiratet. Der größte Erfolg ihrer 22 Jahre währenden Zusammenarbeit war die Entwicklung des Radioimmunoassay (RIA). Yalow und Berson hatten zunächst den Stoffwechsel der Schilddrüse mit Jod-Isotopen untersucht. Dieses Isotop konnten sie den Patienten aufgrund seiner kurzen Halbwertszeit gefahrlos injizieren.

Dann gingen sie zur Erforschung von Diabetes über und entwickelten ein Verfahren, wenige Milligramm Insulin in Blutproben exakt zu messen. Als Testlösung verwendeten sie mit radioaktiven Jod-Isotopen markiertes Insulin. Diese wurde zusammen mit der Blutprobe mit spezifischen Antikörpern „inkubiert“. Nun konkurrierten das natürliche und markierte Insulin um die Bindungsstellen. Aus der Messung der Radioaktivität im gebundenen Insulin ließ sich auf die Menge des Insulins in der Blutprobe zurückschließen. Es dauerte einige Jahre, die Methode zu perfektionieren, bis sie diese 1959 publizieren konnten. Sie verbreitete sich rasch und revolutionierte sowohl die medizinische Forschung als auch die klinische Praxis, insbesondere die Endokrinologie. Yalow und Berson verzichteten darauf, ihr Verfahren patentieren zu lassen – ebenso wie vor ihnen die Curies auf die Patentierung der Radium-Gewinnung verzichtet hatten.

1972 starb Berson im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt. Rosalyn Yalow brauchte über ein Jahr, um sich zu fangen. Sie erhöhte ihr Arbeitspensum von 80 auf 100 Wochenstunden. Nun hatte sie Gelegenheit, aus dem Schatten des redegewandten, charmanten und liebenswerten Berson zu treten, dem sie sich in der Öffentlichkeit immer untergeordnet hatte. Zwischen 1972 und 1976 publizierte sie 60 Artikel und gewann ein Dutzend medizinischer Preise. Sie wollte den Nobelpreis, auf den sie viele Jahre mit Berson zusammen gehofft hatte, auch ohne ihn bekommen. 1977 war es schließlich soweit: Gemeinsam mit Roger Guillemin und Andrew Shalow erhielt sie den Nobelpreis für Physiologie/Medizin. Die beiden Mediziner, die jeweils ein Viertel des Nobelpreises erhielten, hatten mithilfe des RIA nachgewiesen, dass das Gehirn Hormone produziert.

Rosalyn Yalow starb 2011 im Alter von 89 Jahren in New York.

Anne Hardy

 

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