DPG

Professuren für die Geschichte der Wissenschaften

03.02.2021 - Erklärung der historischen Fachgruppen der naturwissenschaftlichen Gesellschaften Deutschlands.

Selbstreflexion der Wissenschaften und Brückenbildner zwischen den zwei Kulturen: Dies leistet wie kaum ein anderes Fach die Wissenschafts­geschichte. Sie hilft Studierenden, jun­gen und etablierten Forschenden ihr eigenes Tun kritisch und ethisch zu reflektieren. Sie überbrückt die verschiedenen Fachkulturen zwischen Geistes-, Sozial- und Natur­wissen­schaften. Der Wissenschaftsrat hat die Brückenfunktion der Wissenschafts­geschichte ebenso wie ihre zunehmende Bedeutung zur Integration fachüber­greifender Frage­stellun­gen betont. Die hohe Beteiligung des Fachs an koordinierten Programmen der DFG unter­streicht dies. Inter­disziplinäre Forschung, exzellente Ausbildung, erfolgreiche Drittmittel­ein­werbung. Dafür braucht es starke Professuren.

Tatsächlich steht die Entwicklung des Faches im Widerspruch zu seiner Bedeutung: Die Zahl der wissenschafts­historischen Professuren ging seit der Jahrtausend­wende um ein Drittel zurück. Gegen diesen Trend, der aktuell die Zukunft des Faches in Deutsch­land bedroht, wenden sich die unterzeichnenden Fach­gesellschaften mit der vorliegenden Stellungnahme, indem sie vor der Umwandlung bestehender W3/W2-Professuren für Wissenschafts­geschichte in Junior­professuren warnen. Aufgrund der weitreichenden Konsequenzen für das von uns vertre­tene kleine Fach Wissenschafts­geschichte weisen wir aus Verantwortungs­bewusstsein für den wissen­schaftlichen Nachwuchs und die Zukunft des Faches diese Praxis nachdrücklich zurück.

Die Mehrzahl der bestehenden Professuren für Wissenschafts­geschichte ist als Allein­ver­tretungen besetzt, d.h. mit einer W2- oder W3-Professur in der gesamten Breite des Fachs. Wird eine volle Professur durch eine Juniorprofessur ersetzt, so reduziert sich die Lehrkapa­zität um mehr als die Hälfte. Derzeit ist unser Fach nur mehr an fünf Hochschul­standorten in Deutschland mit eigenständigen Studiengängen vertreten. Diese können nach einer Herab­stufung der Fach­vertretungen auf eine Juniorprofessur nicht mehr angemessen bedient werden. Inter­disziplinäre Forschung und Ausbildung sowie eine erfolgreiche Drittmittel­ein­werbung. Diese drei Säulen für den Erfolg unseres Faches kann niemand garantieren, der selbst noch unter Qualifikations­druck steht. Die Säulen geraten ins Wanken, das Fach wird weiter geschwächt.

Insbesondere durch das „1000 Tenure-Track-Professuren“-Programm sind einige der etab­lierten Standorte der Wissenschafts­geschichte gefährdet: Im Zuge des Programms verpflich­ten sich die teilnehmenden Hochschulen, einen bestimmten Prozentsatz ihrer bereits beste­henden W2- und W3-Professuren künftig als W1-Juniorprofessur mit Tenure-Track auf W2 oder W3 auszu­schreiben. Wir lehnen es aufs Schärfste ab, diese Last auf die Wissenschafts­­geschichte oder andere kleine Fächer abzuwälzen. Die drohende Herabstufung von W2/W3-Professuren auf W1-Professuren wird die schwierige Situation weiter verschärfen.

Wir appellieren an Sie, die Erfolge der Wissenschafts­geschichte an Ihrer Hochschule, an Ih­rer Fakultät fortzuführen. Sorgen Sie dafür, dass eine starke Vertretung auch künftig nachhaltige Ausbildung, exzellente Forschung und erfolgreiche Drittmittel­einwerbung gewährleis­tet! Dafür bedarf es starker Professuren für die Wissenschafts­geschichte!

Diese Erklärung wird getragen von den folgenden Gesellschaften und Fachgruppen:

  • Astronomische Gesellschaft, Arbeitskreis Astronomiegeschichte
  • Deutsche Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie
  • Deutsche Gesellschaft für Psychologie, Fachgruppe Geschichte der Psychologie
  • Deutsche Mathematiker-Vereinigung, Fachsektion Geschichte der Mathematik
  • Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie
  • Deutsche Physikalische Gesellschaft, Fachverband Geschichte der Physik
  • Gesellschaft Deutscher Chemiker, Fachgruppe Geschichte der Chemie

DPG / JOL

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