Panorama

Erkenntnisse aus der Tiefe

18.11.2021 - Forschungsbohrungen im Alpenraum offenbaren Entwicklung von Klima und Landschaft.

Das im „International Continental Scientific Drilling Program“ (ICDP) angesiedelte Projekt „Drilling Overdeepened Alpine Valleys (DOVE)“ hat das Ziel, die räumliche sowie zeitliche Klima­entwicklung während der Eiszeiten bis vor 2,6 Millionen Jahren und dessen Einfluss auf die Landschafts­entwicklung im gesamten Alpenraum zu rekonstruieren. Hierzu führte das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) in Zusammenarbeit mit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und dem Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau im Regierungs­präsidium Freiburg (LGRB) drei Forschungs­bohrungen im deutschen Alpenvorland bei Winterstetten­stadt durch. Mit dem Abschluss erfolgen bereits erste Erkenntnisse.

 

Insgesamt wurden rund 700 Kilogramm Spülsedimente und rund 165 Meter Kerne aus dem Tannwald­becken etwa siebzig Kilometer nördlich des Bodensees gewonnen. Gemeinsam mit den geophysikalischen Messungen des LIAG werden sie dort mehr Verständnis über die klimatisch bedingten Ausprägungen des ehemaligen Rheingletschers und den Einfluss auf die Landschafts­entwicklung innerhalb der vergangenen 450.000 Jahren generieren. Eine erste Analyse sehr feiner Sedimente aus einer Tiefe zwischen rund 50 bis 140 Metern zeigt bereits, dass sich früher in dem Untersuchungs­gebiet ein See befand. Vereinzelt vorgefundene „Dropstones“ weisen zudem deutlich auf die damals herrschende Kaltzeit hin: Kleine Gesteins­brocken, die auf dem Gletscher oder auf Eisschollen lagen, sind durch das Abtauen des Eises in den See gefallen.

Forscher des LIAG nehmen in allen Bohrungen mit verschiedensten Sonden geophysikalische Messungen in den Bohrlöchern vor, um die spezifischen Eigenschaften der Sedimente zu ermitteln. Mit seismischen Messungen zwischen den Bohrungen erfassen sie die Bedingungen für die Sediment­ablagerungen zusätzlich im Detail. Die Geophysik ist mitentscheidend, um die punktuellen Bohrergebnisse anschließend in den dreidimensionalen Raum zu übertragen und weitere Rückschlüsse zu ziehen. Erste Ergebnisse aus Voruntersuchungen wurden bereits in 3-D-Modelle umgesetzt. Die aus der Kernbohrung gewonnenen Sedimente untersuchen die Projektpartner unter anderem auf ihre Alter, ihren Pollengehalt sowie auf das Vorhandensein von Kleinstlebewesen.

Von den zwei Spülbohrungen und der Kernbohrung mit je rund 160 Meter Tiefe stellte sich aufgrund der Sediment­beschaffenheit Letztere als bohrtechnisch besonders anspruchsvoll heraus. „Die Kernqualität ist jedoch sehr gut und es gelang uns eine intensive und sorgfältige Beprobung der Kerne bereits während des Bohrprozesses“, erklärt LIAG-Projekt­koordinator und Geologe David Colin Tanner, der die Bohrungen vor Ort mit betreute. „Die Ergebnisse aus den Untersuchungen der gewonnenen Sedimente gleichen wir dann mit denen der Geophysik ab, um einen umfassenden Einblick in die Klima- und Landschafts­veränderungen zu bekommen.“

„Mit dem Projekt betreiben wir bedeutende Grundlagenforschung zur räumlichen und zeitlichen Dynamik von Eiszeiten sowie zu Fragen der Klimaentwicklung in der Vergangenheit“, meinen Gerald Gabriel (LIAG) und Frank Preusser (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), DOVE-Projekt­verantwortliche für den deutschen Alpenraum. „Zusätzlich bieten die erhobenen Daten wertvolle Informationen zu angewandten Fragen: Sie nützen beispielsweise der Beantwortung von Fragen zur Langzeit­sicherung der Grundwasser­vorkommen. Auch das Potenzial geothermischer Bohrungen oder grundsätzliche, geologische Eigenschaften und Prozesse können mit den Daten erfasst werden, was für zukünftige Planungen und Prognosen unterstützend wirken kann.“

Sobald sich die Erkenntnisse durch die Analysen vertieft haben, werden die Projektpartner den Bürgern der Region sowie der weiteren interessierten Öffentlichkeit einen Informations­abend anbieten. In Planung ist auch, die Ergebnisse in örtlichen Museen auszustellen. Insgesamt ist das Ziel von DOVE, innerhalb der nächsten Jahre Sedimente aus bis zu 16 Bohrungen an Standorten rund um die Alpen zu untersuchen. Im Vorfeld der Bohrungen hatten über zwanzig nationale und internationale Partner­organisationen ihr Interesse an einer Beteiligung an diesem Großprojekt angekündigt.

LIAG / DE

 

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