Forschung

Die DPG im Nationalsozialismus

05.12.2006 - Physiker zwischen Autonomie und Anpassung: Ein neues Buch beleuchtet die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) in der Zeit von 1933 bis 1945.



Physiker zwischen Autonomie und Anpassung: Ein neues Buch beleuchtet die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) in der Zeit von 1933 bis 1945.

Bad Honnef – Das Verhältnis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) zum Nazi-Regime schwankte zwischen Anbiederung und Aufbegehren. So das Fazit eines von der DPG initiierten und geförderten Forschungsprojektes, das in den letzten fünf Jahren unter der Leitung des US-amerikanischen Historikers Mark Walkers und seines Berliner Fachkollegen Dieter Hoffmann die Geschichte der DPG im Dritten Reich untersuchte. In ihrem Forschungsbericht, der im Dezember als Buch erscheint, räumt ein interdisziplinär zusammengesetztes Team von Historikern und Physikern mit dem Mythos auf, dass die Jahre des Nationalsozialismus vom konsequenten „Kampf der DPG gegen die Parteiphysik“ bestimmt waren und diese Zeit „ein Ruhmesblatt der wirklichen deutschen Physik“ darstellt.

„Als wir vor rund fünf Jahren mit unseren Forschungen begannen, prägten solche Mythen und Legenden die Einschätzungen über das Verhalten der DPG im Dritten Reich. Sie gehen auf die Nachkriegsjahre zurück, in denen die damaligen DPG-Repräsentanten bestrebt waren, die DPG-Geschichte und ihr Verhalten in der NS-Zeit in einem möglichst günstigen Licht erscheinen zu lassen“, macht Dieter Hoffmann, Wissenschaftshistoriker am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Co-Herausgeber der Studie, deutlich. „Inzwischen können wir in den Jahren von 1933 bis 1945 zwei Perioden ausmachen. Bis Ende der 30er-Jahre bewahrte sich die DPG gegenüber dem Regime eine gewisse Autonomie. Wobei man sicher nicht von aktivem Widerstand, sondern eher von fachspezifischem Aufbegehren bzw. Resistenz sprechen muss.“ Ab 1940 jedoch wurde die DPG mehr und mehr Teil der wissenschafts- und forschungspolitischen Netzwerke des NS-Systems. „Entgegen der Beteuerungen einiger DPG-Repräsentanten nach dem Krieg war diese Zeit allzu selten von Zivilcourage geprägt, sondern vielmehr von Opportunismus“, unterstreicht Hoffmann. „Und damit machte sich die DPG auch zur Komplizin des NS-Regimes.“

Während der gesamten Zeit des Dritten Reiches gab es allerdings Spannungen zwischen der DPG und den Nationalsozialisten. Der erste offene Konflikt zeigte sich 1933 als Johannes Stark, Physik-Nobelpreisträger und überzeugter Anhänger der Nazis, während der alljährlichen Physikertagung seinen Anspruch auf den Vorsitz der DPG ankündigte. „Stark scheiterte jedoch aufgrund einer couragierten Rede des scheidenden Vorsitzenden Max von Laue“, erläutert der Historiker Mark Walker. Max von Laue, der nach dem Zweiten Weltkrieg als einer der wenigen deutschen Physiker mit moralischer Integrität gelten sollte, wählte einen subtilen Weg der Kritik: Seinen Angriff auf Stark kleidete er in die Erinnerung an Galileo Galilei und dessen Verurteilung durch die römische Inquisition. „Seine Rede wurde jedoch zu Recht als Metapher für die Diffamierung der Relativitätstheorie und die Ächtung Albert Einsteins seitens der Nationalsozialisten verstanden“, sagt Walker. „Und die Wirkung war eindeutig: Bei der anschließenden Wahl zum DPG-Vorsitzenden fiel Stark durch.“ An die Spitze der DPG gelangte stattdessen der Gegenkandidat des DPG-Vorstandes.

Eine Konsequenz von Starks gescheiterter Machtübernahme war, dass die DPG in den Folgejahren von der NS-Führung wissenschaftspolitisch marginalisiert wurde und sich somit der staatlich erzwungenen Neuordnung des Vereinswesens weitgehend entziehen konnte. „Dies bewahrte die DPG vor einer schnellen Gleichschaltung“, meint Walker. Mit der Festigung der nationalsozialistischen Macht wuchs der Druck auf die DPG, sich in das NS-System einzugliedern. „Dieser Druck ging übrigens nicht nur vom Partei-Apparat aus, er wurde auch von einer Gruppe jüngerer und politisch engagierter DPG-Mitglieder ausgeübt“, so Walker. „Im Dezember 1938 führte dies schließlich zum Ausschluss aller jüdischen Mitglieder, wobei die DPG diesen Schritt als eine der letzten wissenschaftlichen Gesellschaften vollzogen hat.“ Eine einschneidende Maßnahme: Damit sollte die DPG rund 120 Mitglieder verlieren, also fast 10 Prozent ihrer Anhänger.

„An der Wende zu den 40er-Jahren wurden die Verflechtungen zwischen DPG und NS-Apparat dann immer dichter“, schildert Dieter Hoffmann. Angestoßen wurde diese Entwicklung vom damaligen Vorsitzenden Carl Ramsauer. „Bis zu jenem Zeitpunkt hatte die DPG ein weitgehend unpolitisches Nischendasein geführt. Unter Ramsauer jedoch mischte sich die DPG stärker in die wissenschaftspolitischen Geschehnisse ein.“ Den Anfang machte ein im Januar 1942 an Wissenschaftsminister Bernhard Rust gerichtetes Memorandum, in dem die DPG einerseits die Vernachlässigung der theoretischen Physik in Deutschland und die geringe finanzielle Ausstattung der deutschen Physikinstitute beklagte. Andererseits machte die DPG deutlich, dass die Physik zur Mobilisierung der deutschen Kriegsreserven entscheidend beitragen könne und auch dazu bereit sei. „Für die DPG war diese Stellungnahme ein Richtungswechsel“, bekräftigt Hoffmann, „denn bis dahin hatte sie nicht versucht, die Wissenschaftspolitik direkt zu beeinflussen.“ Auch wenn diese Eingabe keine offizielle Reaktion der politischen Machthaber bewirkte, profilierte sich die DPG von nun an mehr und mehr zu einer wissenschaftlichen Vereinigung, die dem NS-Staat zwar nicht immer begeistert, aber insgesamt doch loyal diente. Eine zentrale Rolle spielten dabei die engen Beziehungen des Vorsitzenden Carl Ramsauer und anderer Physiker zum militärisch-industriellen Komplex. „Die DPG verlor damit endgültig ihre politische Unschuld“, sagt Hoffmann, „da diese Allianz vielfältige Kollaborationen mit den Nazis begründete.“

Zum Ausdruck kamen solche Verflechtungen in dem 1944 veröffentlichten „Programm der Deutschen Physikalischen Gesellschaft für den Ausbau der Physik in Großdeutschland.“ Hoffmann: „Dieses Papier stand im Zeichen der Mobilisierung aller Kräfte für den Krieg und der Sicherung möglichst günstiger Optionen für die Nachkriegszeit. Insofern ist es als Beitrag der DPG zur Entfaltung des deutschen Kriegspotentials zu werten.“

Bevor die DPG in den Strudel des untergehenden Dritten Reiches gerissen wurde, versammelten sich die Physiker am 18. Januar 1945 zu einer Festsitzung, um das hundertjährige Gründungsjubiläum der DPG zu feiern. „Diese Veranstaltung wurde auch zum Forum, um die Forderung der DPG nach einem effektiveren Kriegseinsatz der physikalischen Forschung noch einmal zu propagieren“, berichtet Mark Walker. Doch schon vier Monate später hörte die DPG auf zu existieren: nach der Kapitulation Deutschlands wurden alle Parteien und Organisationen von den Alliierten aufgelöst. Dieser Zustand blieb allerdings nicht von langer Dauer. Im Jahre 1946 kam es bereits zur Neugründung verschiedener regionaler Physikgesellschaften, aus denen schließlich 1963 die neue Deutsche Physikalische Gesellschaft hervorging – damals noch durch den Eisernen Vorhang von der Physikalischen Gesellschaft der DDR getrennt, die erst 1990 in der heutigen DPG aufgehen sollte.

„Das Tauziehen der DPG mit Parteiphysikern wie Johannes Stark steht im Kontrast zum Verhalten vieler Aktivisten und Opportunisten des NS-Regimes und auch der meisten anderen Fachgesellschaften“, resümiert Wissenschaftshistoriker Mark Walker. „Dennoch beschränkten sich derartige Konflikte fast ausschließlich auf die fachliche Ebene. Man stritt über Physik, nicht über Politik.“ Der US-Amerikaner und sein Berliner Kollege Dieter Hoffmann räumen in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Physiker zwischen Autonomie und Anpassung“ mit Mythen und Legenden über die Geschichte der DPG im Dritten Reich auf. „Dass die DPG politischen Widerstand leistete, ist eine Legende, die nach Kriegsende von einigen Physikern nicht ohne Eigennutz verbreitet wurde“, betont Hoffmann. „Von aktivem Widerstand kann keine Rede sein und insofern gehört die Periode des Dritten Reiches keineswegs zu den Ruhmesblättern in der über 160-jährigen Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.“

Quelle: DPG

Weitere Infos:

  • Deutsche Physikalische Gesellschaft - DPG:
    http://www.dpg-physik.de
  • Physiker zwischen Autonomie und Anpassung: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich, Herausgeber: Dieter Hoffmann, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin), und Mark Walker, Union College (Schenectady, USA) (Wiley-VCH, erscheint am 15. Dezember 2006) Rezension PDF