Rezension

Werner Hartmann

Gerhard Barkleit: Werner Hartmann. Wegbereiter der Mikroelektronik in der DDR, Duncker & Humblot, Berlin 2022, brosch., 271 S., 49,90 Euro, ISBN 9783428184460

„Nicht immer liegt der Reiz der Be­schäftigung mit einer Wissenschaft allein in ihrem Gegenstand und seiner Darstellung, sondern oft viel mehr in dem, was der Persönlichkeit und dem Bekenntnis des Autors entströmt“, so heißt es in einer Rezension in den Physikalischen Blättern von 1950.“1) Exakt dies ist der Fall in Gerhard Barkleits zweiter Wissenschaftlerbio­grafie. Der Wissenschaftshistoriker und Physiker bezeugt mit seinem Werk über Werner Hartmann (1912 – 1988) erneut Mut. Mit seiner 2006 erschienenen Biografie2) über den „roten Baron“ Manfred von Ardenne zeichnete er für viele Akademiker in Ost und West ein verstörend positives Bild einer zweifellos faszinierenden Forscherpersönlichkeit. Ardenne war ein Vorzeigewissenschaftler der SED, Hartmann aber war von ihr nie akzeptiert und auf dem Höhepunkt seines Schaffens mit maßgeblicher Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) regelrecht vernichtet worden. War der Nichtakademiker Ardenne ein Genie in der Vermarktung von Ideen und ein kreativer Erfinder, war der Akademiker und Hochschullehrer Hartmann ein Hochbegabter, der spielend leicht sämtliche Prüfungen bei berühmten Lehrern bestand und im Handumdrehen Russisch lernte. Barkleit bescheinigt Hartmann ein Gespür für Innovationen und hebt seine schnelle Entscheidungsfähigkeit hervor. Ardenne und Hartmann waren eine Zeit lang Partner und distanziert befreundet.

Hartmanns Stationen bis zu seinem Fall waren sämtlich bedeutend: in der „Fese“ genannten Fernseh AG, dem Aufbau des VEB Vakutronik und zuletzt der Arbeitsstelle für Molekularelektronik. Letztere wurde mit häufig wechselnden Namen das bedeutendste Mikroelektronik-Forschungszentrum der DDR und zum Grundstein des Silicon Saxony, gleichsam ein Synonym für den verspäteten Aufstieg Deutschlands in der Mikroelektronik.

Barkleit, Insider und versiert in Fragen der technischen Physik, schenkt dem Leser eine ganze Reihe von interessanten Einblicken in das Bedingungsgefüge der DDR-Wissenschafts- und Industriepolitik. Die bekannten Schwierigkeiten einer biografischen Erforschung stellten sich im Falle Hartmanns nicht ein, da sowohl der Staatssicherheitsdienst als auch Hartmann selbst umfangreiche Datensammlungen hinterließen. Jedoch bleiben trotz Erkenntniszugewinnen drei Komplexe weiterhin forschungsoffen: Hartmanns kriegswichtige Forschung unter Hitler, seine Stellung zum NS-Regime und seine Mitarbeit an Stalins Atombombenprojekt. Die beiden Interviews, mit Hartmanns dritter Ehefrau Renée, der ein eigenes, überaus lesenswertes Kapitel gewidmet ist, und einer seiner Töchter können diese Lücken nicht füllen.

Wo Barkleit keine Kenntnisse erlangte, arbeitet er oft mit dem Mittel der negativ gerichteten Spekulation. Ein Beispiel: Wenn nicht überliefert ist, ob Hartmann Hitler wählte, reicht dann die Behauptung eines Politik­wissenschaftlers, wonach Katholiken in besonderer Weise dem NS-Gedankengut angehangen haben sollen, dies auch für Hartmann anzunehmen? Die empirische Forschung kennt auch andere, differenziertere Urteile. Was auch immer die Wahrheit in solchen Fällen ist, das bürgerliche Dresdener Villenviertel „Weißer Hirsch“ hat nach Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ und Barkleits Ardenne-Buch eine dritte Facette des anderen Lebens in der DDR erhalten.

Dr. Reinhard Buthmann, Einsiedel

1) E. Moritz, Physikal. Blätter 6, 44 (1950)
2) Rezension: Physik Journal, April 2007, S. 53

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