Rezension

The Upper World – Ein Hauch Zukunft

Femi Fadugba: The Upper World – Ein Hauch Zukunft, cbj Jugendbücher, München, 416 S., geb., 20  €, ISBN 9783570166222

Esso lebt im London des Jahres 2020. Der schwarze Teenager besucht die Penny Hill Secondary School im Süden der Stadt. Mit seinen Kumpanen Rob und Kato bildet er ein schulbekanntes Trio und versucht, sich nicht mit den verfeindeten Straßengangs anzulegen. Das gelingt ihm nicht wirklich und stellt sein Leben auf den Kopf.

Auch Rhias Leben spielt sich in London ab, allerdings 15 Jahre später. Sie ist ohne Eltern aufgewachsen und hat bereits zahlreiche Pflegefamilien kennengelernt. Als Fußballerin möchte sie sich eine bessere Zukunft aufbauen. Doch damit eine angesehene Akademie sie unter ihre Fittiche nimmt, müssen die Schulnoten stimmen. Da kommt das alles andere als zufällige Zusammentreffen mit Nachhilfelehrer Esso gerade recht.

Und dann ist da noch Essos Vater, Blaise Adenon, der seinem Sohn ein Notizbuch mit Briefen hinterlassen hat, die von der titelgebenden Oberen Welt erzählen. Lange Zeit hat Esso die Erzählungen als Spinnereien abgetan, doch das soll sich im Laufe der Handlung ändern. 

In seinem Debütroman führt Femi Fadugba die Obere Welt als einen Ort ein, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem einzigen Punkt verschmelzen. Darum kann Esso, als er die Obere Welt nach einem Autounfall besucht, Szenen aus der Zukunft sehen. Allerdings bleibt zunächst offen, ob alles Gesehene auch eintritt – oder sich etwas daran ändern lässt. Der studierte Quantenphysiker mit einem Master der University of Oxford vermeidet so die üblichen Fallstricke bei Zeitreisen. 

Geschickt verknüpft Fadugba die drei Erzählstränge, die im Text durch unterschiedliche Schrifttypen gekennzeichnet sind, und führt sie zu einem spannenden Finale zusammen. Wann immer er etwas kompliziertere physikalische oder mathematische Zusammenhänge anspricht, verweist eine Fußnote auf die Stelle im Anhang, die den Aspekt näher erläutert. Auch ohne die entsprechenden Vorkenntnisse oder das Interesse an den physikalischen Voraussetzungen für Zeitreisen lässt sich der Roman gut lesen. 

Zum Stolpern bringen dagegen in der deutschen Übersetzung einige Stellen, an denen die britische Jugendsprache etwas holprig übertragen wurde. Vor allem erscheint es unpassend, wenn Rhia in der Zukunft noch die gleichen Ausdrücke verwendet wie Esso in der Gegenwart. Doch wer kann schon sagen, wie sich Jugendliche in 15 Jahren unterhalten werden?

„The Upper World“ lässt sich  schwer einem Genre zuordnen: Thriller, Science-Fiction, Gesellschaftskritik, dazu ein satter wissenschaftlicher Hintergrund – es kommt sicher auf die Vorlieben der Lesenden an, welcher Aspekt die Oberhand gewinnt. Spannend und interessant ist der Roman allemal. Nur die Altersempfehlung „ab 14“ des Verlags sehe ich wegen einzelner gewalttätiger Szenen kritisch und würde zwei Jahre addieren. 

Kerstin Sonnabend

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