Rezension

Unsere Über­lebensformel

Ulrich Eberl: Unsere Über­lebensformel, Piper 2022, 416 S., geb., 24,00 €, EAN 9783492070850

Vor rund 125 Jahren legte Svante Arrhenius erste Arbeiten zum Klimawandel vor. Seit Ende der 1950er-Jahre beobachtet der Mensch die Zunahme von Kohlendioxid in der Atmosphäre und erklärt sie durch einen anthropogenen Anteil. In den 1990er-Jahren begannen Forschende, die Politik intensiv vor den künftigen Katastrophen zu warnen, die der Klimawandel auslösen wird.

Ulrich Eberls Buch setzt an dieser Stelle an und präsentiert den Menschen nicht nur als Verursacher, sondern auch als Löser dieses Problems und weiterer gewaltiger Herausforderungen unserer Zeit. Der Untertitel „Neun globale Krisen und die Lösungen der Wissenschaft“ ist Programm: Auf über 400 Seiten arbeitet der promovierte Biophysiker und Zukunftsforscher akribisch die Probleme der Gegenwart heraus, belegt die jeweiligen Entwicklungen ausführlich mit Zahlen und stellt im Anschluss die aktuellen technischen (wenn auch nicht immer voll ausgereiften) Lösungsansätze aus Wissenschaft und Wirtschaft vor. Dabei beleuchtet Eberl insbesondere folgende Themen: Frei nach dem Motto „die Zukunft als Ära der Gesundheit von Mensch und Umwelt“ behandelt er Energiever­sorgung, Mobilität, Städtebau, Einsatz und Verbrauch von Ressourcen sowie Landwirtschaft mit einem Fokus auf den Klimawandel. Dazu kommen das massive Artensterben, Gesundheit und Medizin sowie die Anwendung künstlicher Intelligenz.

Die einzelnen Kapitel lassen sich separat lesen, nur ab und an verweist er auf andere Kapitel, was die Zusammenhänge der Krisen untereinander hervorhebt. Eberls Stil ist von einer hohen Informationsdichte geprägt, ohne jedoch zu überladen zu wirken. Allerdings hätten Abbildungen und Schemata die Verständlichkeit des Buches gefördert. Trotz des ausführlichen Literaturverzeichnisses belegt der Autor nicht alle Zahlen oder Aussagen. Das macht es bei manchen Vorschlägen schwierig, die Umsetzbarkeit der entsprechenden Maßnahmen einzuordnen, was vielleicht die Ansprüche an ein populärwissenschaftliches Buch übersteigen mag. An anderen Stellen fehlt mit­unter die kritische Einordnung: Bei den Ausführungen zu in Hochhäusern und Supermärkten angebautem Salat („vertikale Bauernhöfe“) bleibt die Frage nach dem enormen Energiebedarf ausgespart.

Insgesamt gelingt Eberl eine interessante und ausgewogene Übersicht, wie uns Technologien Perspektiven für die Bewältigung der genannten Krisen eröffnen und Wege in eine bessere Zukunft ebnen könnten. Besonders spannend zu lesen waren die Darstellungen zur Forschung an kata­lytisch wirkenden Enzymen, welche die Abfallverwertung revolutionieren könnten, und zu künstlicher oder optimierter Photosynthese als möglichem Rohstofflieferant.
Während die ersten acht Kapitel vor allem technische Lösungs­ansätze behandeln, geht es in Kapitel 9 um die grundlegende Herausforderung, ohne die auch die besten technischen Lösungen keinen Fortschritt bringen: die Wandelbarkeit von Mensch und Gesellschaft. Eberl gibt sich optimistisch und spricht davon, dass zwar große Veränderungen in weiten Teilen der Gesellschaft rund drei bis vier Jahrzehnte benötigen, um sich zu etablieren. Er erwähnt jedoch, dass insbesondere die Wirtschaft mit den entsprechenden (poli­tischen) Anreizen auch wesentlich schneller und flexibler agieren kann.

Angesicht der geopolitischen Lage und den globalen Machtstrukturen kommen Zweifel auf, ob sich seine Einschätzung an der Realität messen lassen kann. Es bleibt jedoch immer Aufgabe der Wissen­schaft, ihre Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hierbei leistet „Unsere Überlebens­formel“ einen wertvollen Beitrag. So lässt sich einer der Schlusssätze als motivierender Aufruf verstehen: „Zukunft ist nichts, was einfach passiert. Sie wird gemacht, von uns allen.“

David Smolinski, Katharina Adrion, Markus Struckmann
Arbeitsteam Nachhaltigkeit der jDPG

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