Rezension

Stanislaw Lem – Leben in der Zukunft

Alfred Gall, Stanisław Lem – Leben in der Zukunft, wbg Theiss, Darmstadt 2021, geb., 284 S., 25 Euro, ISBN 9783806242485

Der Slawist Alfred Gall von der Universität Mainz legt hiermit die erste deutschsprachige Biografie von Stanisław Lem vor, rechtzeitig zu dessen 100. Geburtstag. Auf rund 270 Seiten bietet Gall eine kompakte und fundierte Lebensbeschreibung. Er vermittelt insbesondere Einblicke in Lems Interessen und Arbeitsweise, schildert die wichtigsten Werke und die Umstände ihrer Entstehung. Besonderes Augenmerk legt er auf die Kultur, Geschichte und die politischen Umstände in Polen und Lems gespaltenes Verhältnis zu seinem Heimatland. Hier liegt für mich der besondere Wert dieser sachlich gehaltenen, aber gut lesbaren und zugänglichen Biografie.

2017 erschien eine umfangreiche polnische Lem-Biografie von Wojciech Orliński, auf Deutsch konnte man sich am ehesten über Lem selbst durch seinen autobiografischen Text „Mein Leben“ und anhand von zahlreichen veröffentlichten Interviews und Briefen informieren. Die anekdotenreichen Erinnerungen von Lems Sohn Tomasz sind nun auch auf Deutsch erschienen und geben Einblicke in die familiären Verhältnisse. Auf all das hat sicher auch Gall zurückgegriffen, eigene Dokumentenrecherchen oder Interviews scheint er dagegen nicht unternommen zu haben.

Gall behandelt Lem eher als „Autor sui generis“ und streut nur sehr sparsam Bezüge zur Science-Fiction ein. Das erweckt auf Dauer den Anschein, dass Lem über der sonstigen Science-Fiction-Welt schwebt. Gewiss hat sich Lem im „Science-Fiction-Ghetto“, wie er es selbst nannte, nicht wohl gefühlt, aber um sein Werk einzuordnen und zu bewerten, kommt man eigentlich nicht darum herum, seine Werke mit denen anderer hochkarätiger Science-Fiction-Autor:innen zu vergleichen. Das würde sicher auch seine besonderen Eigenheiten noch klarer hervorheben.

Interessant ist Galls Lesart von Lem als „postkatastrophischen Schriftsteller“, der nicht – wie sonst in der dystopischen Science-Fiction-Literatur – die Zivilisation dem Untergang entgegen steuern lasse, sondern nach dem Zusammenbruch der Zivilisation denke und schreibe. Gall führt das auf Lems Erlebnisse in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust zurück, über die Lem selbst ungern sprach.

Das Buch enthält 11 Fotos, die den angenehm gesetzten Text auflockern, und eine Lem-Auswahl-Bibliographie. Diese ist zeitlich rückwärts sortiert, allerdings meist nach späteren Taschenbuchausgaben und nicht nach den Erstausgaben, was ich etwas verwirrend finde. Etwas seltsam ist, dass die deutsche Version der frühen Roman-Trilogie „Czas nieutracony“ nicht erwähnt wird, die in der DDR als „Die Irrungen des Dr. Stefan T.“ 1959 (2. Auflage 1979) erschienen ist. In Galls Biografie (S. 68) erhält man den Eindruck, dass nur der erste Band „Das Hospital der Verklärung“ auf Deutsch verfügbar wäre.

Die Auswahl an Sekundärliteratur ist nach Namen der Autor:innen sortiert und nicht thematisch; es bleibt unklar, nach welchen Kriterien ausgewählt wurde und ob es sich eher um Quellenangaben oder um Hinweise auf weiterführende Lektüre handelt.

Dass Lems frühestes Werk „Der Mensch vom Mars“ innerhalb von knapp zehn Seiten viermal mit ähnlichen Worten eingeführt und charakterisiert wird, ist dem Lektorat anzulasten. Ebenso wie die Inkonsistenz beim Titel von Andrzej Wajdas Verfilmung von Lems Erzählung „Gibt es Sie, Mr. Jones?“. Der erscheint erst als „Rollkuchen“ (S. 125) und später als „Schichttorte“ (S. 172), wobei der gängige deutsche Verleihtitel „Organitäten“ lautet.

Trotz der angesprochenen Kritikpunkte ist Galls Biografie für alle Lem-Fans lohnend, die mehr über die Umstände seines Lebens und Arbeitens erfahren wollen, zumal es derzeit nichts Vergleichbares gibt.

Alexander Pawlak
 

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