Rezension

Sammelbände zu Stanisław Lem

Ein Jahrhundert Lem (1921–2021), Neisse-Verlag, Wrocław und Dresden 2021 / Kosmos Stanisław Lem, Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden 2021

Zwei Bände mit Aufsätzen verschiedener Autor:innen zu Stanislaw Lem dokumentieren die wachsende akademische Beschäftigung mit dem umfangreichen und eigenständigen Werk des polnischen Schriftellers. Das umfasst neben Roman und Erzählungen, die eindeutig der Science-Fiction zuzurechnen sind, auch umfangreiche theoretische Abhandlungen oder Texte, die sich einer einfachen Kategorisierung entziehen, wie etwa seine Vorworte und Rezensionen nichtexistierender Bücher.

„Kosmos Stanislaw Lem“ versammelt Beiträge zur dreitägigen wissenschaftlichen Tagung, die im März 2017 zum Abschluss des Kultur- und Wissenschaftsprojekts „Komet Lem“ in Darmstadt stattfand. Das Projekt würdigte Lem mit einer Fülle unterschiedlichster Veranstaltungen, darunter eine Vortragsreihe, Film-Vorführungen, Konzerte, eine Ausstellung und Theaterproduktionen. Die wissenschaftliche Tagung brachte Vertreter:innen der deutschen wie polnischen „Lemologie“ zusammen und fand mit entsprechender Simultanübersetzung zweisprachig statt. Die 21 Aufsätze sind thematisch weitgespannt, mal behandeln sie einzelne Werke, mal Werkgruppen, wie Lems Kriminalromane oder spüren übergreifenden Themen im Gesamtwerk nach.

Die 14 Aufsätze im Band „Ein Jahrhundert Lem“, gedacht als Jubiläums-Buch zum 100. Geburtstag von Stanislaw Lem, hätten auch in den Tagungsband gepasst. Mehrere Autor:innen sind zudem in beiden Bänden vertreten. Auch hier findet sich ein breites Themenspektrum, von Aspekten der künstlichen Intelligenz über kritische Anmerkungen zu Lems umfangreicher „Summa technologiae“ oder Artikel, die einen Überblick über Lem-Interviews oder seine Feuilleton-Texte geben, die vielfach nicht ins Deutsche übersetzt wurden.

Wer das Werk von Lem gut kennt und sich inhaltlich intensiver damit auseinandersetzen möchte, der kommt an diesen beiden Bänden nicht vorbei, denn sie bieten viele interessante Einblicke und Einsichten, allerdings auch akademische Gedankenflüge, denen man als Laie nur bedingt folgen kann. Die beiden Bände eignen sich daher am besten für eine selektive Lektüre und nicht, um sie von vorne bis hinten durchzulesen, denn die Fußnoten-Dichte, der Wechsel zwischen deutschen und polnischen Zitaten, Schreibweisen und Quellen und die manchmal sperrige Sprache können die Lektüre schon erschweren.

Die vielen und unterschiedliche Aufsätze lassen sich hier nicht einzeln diskutieren. Allenfalls lässt sich feststellen, dass literaturwissenschaftliche und philosophische Perspektiven vorherrschen und Lem eher als „Genre sui generis“ und weniger als Teil der Science-Fiction-Geschichte diskutiert wird. Andere Vertreter:innen und Werke der Science Fiction kommen kaum zur Sprache. Sicher ist Lem ein außergewöhnlicher Autor, der sich den Klischees der Science-Fiction sehr erfolgreich entzogen hat, aber ich vermisse den erhellenden Vergleich mit Werken aus anderer Feder.

Hier ist die Lektüre des Aufsatzes „Zu Stanislaw Lems Stellung in der Welt“ von Franz Rottensteiner in "Ein Jahrhundert Lem" aufschlussreich. Rottensteiner hat einen wichtigen Beitrag geleistet, um Lems Werk Anfang der 1970er-Jahre in der BRD zu etablieren, und war ein langjähriger Weggefährte Lems, bevor sich beide überworfen haben. Daraus erklärt sich sicher auch der kritische bis abwertende Ton seines Aufsatzes. Er betont darin, dass „zahlreiche Autoren […] Bücher von ähnlicher Qualität [wie Lem, Anm. des Autors], teilweise sogar bessere geschrieben [haben].“ Dieses Urteil mag auch Ausdruck einer erlittenen Kränkung sein, lenkt aber die Aufmerksamkeit auf die Fehlstelle in der aktuellen Lem-Forschung, die sich Lems Flucht aus dem „Science-Fiction-Ghetto“ vielleicht etwas zu konsequent anzuschließen scheint.

Dem Jubiläumsband hätte ein übergreifender Text zu Lems Biographie und Werk, eine Bibliographie und auflockernde Bilder sicher gut getan. Der Tagungsband enthält ein paar falsche Schreibweisen, die aus den Aufsätzen den Weg ins Register gefunden haben („Gustav Meyrinks“ statt „Meyrink“, „Susanne Päc“ statt „Päch“) und die automatische Rechtschreibkorrektur hat aus dem „DNA-Code“ einen „DANN-Code“ (S. 31) gemacht, aber angesichts des umfangreichen und kleinteiligen Textes sind Fehler wohl kaum zu vermeiden.

Wer einen zugänglicheren Einstieg in Lems Leben und Werk sucht, dem sind Alfred Galls Biographie und die Erinnerungen seines Sohns Tomasz eher zu empfehlen. Aber auch der immer noch lieferbare Gesprächs-Band Lem über Lem von 1986 ist immer noch lesenswert.

Alexander Pawlak

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