Rezension

Sam Goud­smit and the Hunt for Hitler’s Atom Bomb

M. van Calmthout: Sam Goud­smit and the Hunt for Hitler’s Atom Bomb, Prometheus Books, Amherst 2018, 248 S., geb., ca. 22 €, ISBN 9781633884502

Der 1902 in Den Haag geborene Sam(uel) Goudsmit gehörte zu den einflussreichsten Physikern seiner Zeit. Er wird vom niederländischen Wissenschaftsredakteur Martijn van Calmthout erstmals mit einer spannend geschriebenen und längst überfälligen Biographie gewürdigt.

Als Schüler von Paul Ehrenfest lernte Goudsmit die Quantenphysik kennen und entwickelte 1925 zusammen mit seinem „wissenschaftlichen Blutsbruder“ Georg Uhlenbeck das Konzept des Elektronenspins. Die Entdeckung der beiden „spin doctors“ markierte den Übergang von der klassischen Quantenphysik zur modernen Quantenmechanik. Sie brachte Goudsmit bis 1966 insgesamt 48 Nobelpreisnominierungen ein. Der Preis selbst blieb ihm jedoch zeitlebens versagt. Nach seiner Promotion emigrierte er in die USA, wo er 1927 eine Professur an der University of Michigan erhielt. Später bemerkte er einmal, dass diese Stelle für ihn wichtiger gewesen sei als ein Nobelpreis.

Während des Zweiten Weltkriegs war er zunächst in der Radarforschung tätig, bevor er 1944 wissenschaftlicher Leiter der ALSOS-Mission wurde. Diese sollte herausfinden, wie weit die Deutschen mit ihren Arbeiten an einer Atombombe waren, die wichtigsten beteiligten deutschen Wissenschaftler gefangen zu nehmen und ihre Unterlagen und Materialien sicherzustellen. Der Autor zeigt, dass Goudsmit geradezu prädestiniert für diese Aufgabe war, kannte er doch nahezu alle deutschen Protagonisten persönlich, sprach fließend Deutsch und besaß ein detektivisches Gespür. Zudem arbeitete er selbst nicht im Atombombenprogramm, konnte also bei einer Gefangennahme keine Geheimnisse preisgeben.

Als Goudsmit 1945 nach Holland kam, erfuhr er, dass seine gesamte Familie in Auschwitz umgebracht worden war. In seinem 1947 zusammen mit einem Ghostwriter verfassten Buch „ALSOS“ erklärte er die Nicht­existenz einer deutschen Atombombe im Krieg vor allem mit der Unfähigkeit der deutschen Wissenschaftler. Goudsmits Meinung bestimmte noch über Jahrzehnte vor allem in den USA das überwiegend negative Bild von Heisenberg und seinen Kollegen. Nach dem Krieg war Goudsmit ein Vierteljahrhundert lang Herausgeber der Zeitschrift „Physical Review“ und hatte damit einen enormen Einfluss auf den Wissenschaftsbetrieb. 1958 gründete er die „Physical Review Letters“, die er bis 1974 leitete.

Calmthouts Buch ist zwar die Bio­graphie eines Wissenschaftlers, aber keine wissenschaftliche Biographie. Es fehlen ein Quellenverzeichnis und eine ideengeschichtliche Einordnung der Arbeiten Goudsmits. Trotz dieser Schwächen, einiger physikalischer Ungenauigkeiten und Druckfehler hat der Autor eine lesenswerte Lebens­beschreibung eines bescheidenen, prinzipientreuen und aufrechten Wissenschaftlers verfasst, ohne ins Hagio­graphische zu verfallen.


Dr. Michael Schaaf, Attendorn

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