Rezension

Revolu­tionäre im ­Interview

Anke te Heesen: Revolu­tionäre im ­Interview – Thomas Kuhn, Quanten­physik und Oral History, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin-Wilmersdorf 2022, brosch., 240 S., 24 Euro, ISBN 9783803151926

Der Physiker, Wissenschaftshistoriker- und -philosoph Thomas S. Kuhn (1922 – 1996) wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Mit seinem 1962 erschienenen Hauptwerk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ hat er die Wissenschafts­geschichte nachhaltig geprägt. Selbst wenn nicht alles dem Lauf der Zeit standgehalten hat, kommt man an dem Buch nicht vorbei, denn der Diskurs über die darin enthaltenen Thesen ist längst nicht abgeschlossen. Der von Kuhn geprägte „Paradigmenwechsel“ hat sich mittlerweile verselbstständigt und taucht in allen möglichen Kontexten auf.

Viel weniger bekannt ist, dass Thomas Kuhn ein Interviewprojekt geleitet hat, das ausgerechnet im Kalten Krieg versuchte, den Protagonist:innen der Quantenphysik zu entlocken, wie die Revolution der Physik in den Jahren 1913 bis 1938 vonstattengegangen war. Als besonders ergiebig erweisen sich die Gespräche Kuhns mit Niels Bohr, der allerdings vorzeitig starb, und mit Werner Heisenberg, der Kuhns Buch gelesen hatte und den Interviews viel Zeit einräumte. Diese und die anderen Interviews des Projekts sind heutzutage Teil der „Oral History“-Webseite des American Institute of Physics.

Die Wissenschaftshistorikerin Anke te Heesen von der Humboldt-Universität zu Berlin erzählt in ihrem Buch erstmals ausführlich die Geschichte des Projekts. Unter dem Namen „Sources for History of Quantum Physics“ sammelten Kuhn und seine Mitarbeitenden neben den Interviews auch schriftliche Quellen aller Art zur Entstehung der Quantenmechanik.
Te Heesens Buch ist ein Glücksfall, denn es ist zugänglich und kompakt geschrieben, gleichzeitig aber mit allen wissenschaftshistorischen Wassern gewaschen. Das zeigt schon der Aufbau des Bandes: Der Haupttext umfasst zwei Drittel, das restliche Drittel enthält den hervorragenden Anmerkungsapparat und Anhang. Der Text macht nachvollziehbar, wie das Projekt zustande kam und verlief. Dazu tragen die ausführlichen Fallbeispiele bei, darunter Alfred Landé und James Franck. Eigene Kapitel widmen sich den intensiven Gesprächen mit Bohr in Kopenhagen, wo das Projekts zeitweise in dessen Institut angesiedelt war, und mit Heisenberg in München.

Anke te Heesen befasst sich insbesondere mit dem Instrument des Forschungsinterviews, mit dem die Wissenschaftsgeschichte gewissermaßen ihr Quellenmaterial selbst erzeugt. Dabei zeigt sie die Fallstricke, die bei Thomas S. Kuhn zu Enttäuschungen geführt haben. Statt weitere Belege für seine Thesen zu erhalten, sah er sich mit der Herausforderung konfrontiert, emotionale oder politische Aspekte zu umgehen. Nichtsdestotrotz leistete er mit dem Interview­projekt einen nachhaltigen Beitrag zum Feld der „Oral History“.

Allen, die sich für Thomas S. Kuhn, die Geschichte der Physik und für die Wissenschaftsgeschichte als Disziplin interessieren, möchte ich das schön gestaltete und interessant bebilderte Buch ans Herz legen.

Alexander Pawlak

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