Rezension

Helmholtz. A Life in Science

David Cahan: A Life in ScienceThe University of Chicago Press, Chicago, London 2018, geb., 937 Seiten, $ 55, ISBN 9780226481142

Der amerikanische Wissenschaftshis­toriker und Doyen der modernen Helmholtz–Forschung David Cahan hat mit seiner lang erwarteten Helmholtz-Biographie sein Opus magnum vorgelegt. Dieses ist mit seinen knapp tausend Seiten nicht nur ein umfängliches, sondern auch intellektuell ein gewichtiges Werk geworden. Allerdings dürfte schon die fast zwei Kilo­gramm Buchmasse eine weite Verbreitung erschweren. Doch wird jeder, der sich mit dem Leben und Werk des letzten „Universalgenies der Wissenschaften“ und „Reichskanzlers der Wissenschaften“ – so weit verbreitete ehrfürchtig-ironische Beinamen des Gelehrten – auseinandersetzt, darauf Bezug nehmen müssen; sei es auch nur, um aus dem reichen Fundus gesicherter Fakten und Datierungen zu schöpfen.

Nicht nur in dieser Hinsicht ist die vorliegende Biographie ein Standardwerk der Helmholtz-Forschung, denn sie zeigt darüber hinaus, welches Poten­zial biographische Darstellungen für die moderne wissenschaftshistorische Forschung besitzen können. Ausgehend von der Analyse des umfangreichen und vielschichtigen wissenschaftlichen Werkes, das von medizinischen Beiträgen, wie dem Augenspiegel oder physiologischen Untersuchungen, über fundamentale Untersuchungen zur experimentellen und theoretischen Physik, wie der Begründung des Energieprinzips, bis hin zu erkenntnistheoretischen Überlegungen reicht, ordnet Cahan Helmholtz’ wissenschaftliche Leistungen in die kulturellen, sozialen und politischen Kontexte seiner Zeit ein. Wissenschaft und Leben werden so – darauf weist auch der Untertitel des Buches hin – als Teil eines wechsel­seitigen Beziehungsgeflechts dargestellt, das nicht zuletzt die soziale und politische Relevanz der neuzeitlichen Wissenschaft aufzeigt.

Auch wenn Cahans Darstellung in keiner Weise hagiographische Züge trägt, spürt man bei der Lektüre die Bewunderung des Bio­graphen für die Persönlichkeit und das enzyklopädische Werk von Helmholtz. Das verstellt aber zuweilen auch den Blick, Schwächen im Helmholtzschen Schaffen aufs Korn zu nehmen und damit Grenzen seiner Persönlichkeit bzw. seines Wirkens aufzuzeigen. So machen die Passagen zum Energieerhaltungssatz zwar deutlich, dass Helmholtz’ berühmter Aufsatz von 1847 zur universellen Gültigkeit des Prinzips von der Erhaltung der Kraft bzw. der Ener­gie in der zeitgenössischen Physik viele Jahre praktisch ignoriert wurde und sich ein Zeitgenosse wie Rudolf Clausius geradezu feindlich dazu verhielt (S. 73). Die naheliegende Frage jedoch, warum gerade Clausius, der sich mit ähnlichen Fragen beschäftigte und kurze Zeit später (1850) den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre mit dem Entropiebegriff formulieren sollte, zu den entschiedenen Kritikern von Helmholtz zählte, erörtert Cahan jedoch nicht weiter. Das ist schade, aber insgesamt eine Marginalie, die in keiner Weise den hohen wissen­schaftshistorischen Rang des vor­liegenden Buches infrage stellt.

Seine Lektüre ist jedem zu empfehlen, der sich für die Person von Helmholtz wie für die Entwicklung der Naturwissenschaften und speziell der Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessiert.

Prof. Dr. Dieter Hoffmann, Berlin

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