Rezension

Helgoland

Carlo Rovelli: Helgoland, Rowohlt, Hamburg 2021, 208 S., geb., 22 €, ISBN 9783498002206

Am 8. Juni 1925 floh der heuschnupfengeplagte Werner Heisenberg auf die Insel Helgoland mit ihrer pollenfreien Luft und brütete dort die Grundidee der Matrizenmechanik aus. Vierzig Jahre später erinnerte er sich, dass er nach seinem Heureka-Moment keinen Schlaf finden konnte und in der Morgendämmerung auf einen Felsen an der Südspitze der Insel kletterte, wo er den Sonnenaufgang erwartete. Der Fels ist Geschichte, er wurde 1947 bei den Sprengungen der Briten zerstört. Und die Helgoland-Episode ist nur ein Stein im komplexen Mosaik der Entstehung der modernen Quantenmechanik. Dabei spielte Heisenberg eine führende Rolle, aber letztlich war der intensive Austausch vieler Akteure entscheidend.

In Carlo Rovellis Buch bildet Heisenbergs Helgoland-Erlebnis den ers­ten Teil auf dem Weg, denjenigen, „die die Quantenphysik nicht kennen“, zu erklären, „wie die Quantentheorie unsere Welt verändert“ – so der Untertitel. Das funktioniert auf den ersten 30 Seiten durchaus, aber die durchgängige Mystifizierung der Quantenmechanik und ihrer Konsequenzen als skurril, kurios, bizarr,  rätselhaft etc. nervt. Trotz aller offenen Fragen der Interpretation und den Widersprüchen zum Alltagsverstand hat die Quantenmechanik unsere Welt durchaus handfest verändert.

Im zweiten Teil des Buches versucht Rovelli die „relationale Interpretation der Quantenmechanik“ zu propagieren, die grob gesagt vom Grundgedanken ausgeht, dass sich das Wesentliche nicht über die Objekte, sondern über die Beziehungen zwischen diesen manifestiert. Was für eine Quantenmechanik daraus erwächst und welche spezifischen physikalischen Konsequenzen bzw. Vorteile sie hat, bleibt unklar. Da hilft auch nicht die Bezugnahme auf eine sehr freie Interpretation der Lehren Nāgārjunas, eines indischen Philosophen des 2. Jahrhunderts. Hier ist  man eigentlich gezwungen, zu Rovellis Originalarbeiten zu greifen.

Im dritten, bewusst abschweifenden Teil kommen der russische Philosoph Alexander Bogdanow, Lenin und ihre Auseinandersetzung mit den Lehren von Ernst Mach ins Spiel. Rovelli philosophiert zudem über „Naturalismus ohne Substanz“ und die Bedeutung von Bedeutung. Was das soll, ist mir nicht so recht klar ­geworden, und ich fürchte, dass Rovelli hier allzu unbekümmert drauflos philosophiert.

Rovelli bekennt, dass ihn das Studium der klassischen Physik „ein wenig unterhalten und ein wenig gelangweilt hat“. Das merkt man seinen halbherzigen Ausführungen über Plancks Quantenhypothese an, bei der nicht klar wird, warum man zunächst „selbstverständlich erwartet“, dass sich Wärme in einem Ofen auf Wellen aller Frequenzen verteilt. Rovelli plaudert hier mehr, als dass er erklärt, und so erfährt man eher von seinem T-Shirt mit aufgesticktem h, das er mit besonderem Stolz trägt.

Unter den unzähligen populären Darstellungen der Quantenmechanik ragt Rovellis Buch nicht hervor, auch wenn es passagenweise neue Einsichten vermittelt, die sich aber nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügen. Rovelli kann flüssig schreiben, und dem Verlag gebührt Lob für die hübsche Gestaltung. Empfehlen würde ich aber andere Bücher, etwa „Die Sonderbare Welt der Quanten“ (C.H. Beck, München 2008) des Konstanzer Physikers Jürgen Audretsch (1942 – 2018).

Alexander Pawlak

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