Rezension

Der Oslo-Report

David Rennert: Der Oslo-Report. Wie ein deutscher Physiker die geheimen Pläne der Nazis verriet Residenz Verlag, Salzburg, Wien (2021), geb., 224 S., 26 Euro ISBN 9783701735174

Da übt jemand Widerstand gegen die Nazis und riskiert mit dem Verrat kriegswichtiger Geheimnisse Kopf und Kragen, doch niemand weiß davon – nicht einmal die eigene Familie. Die erfuhr erst viele Jahre später und eher beiläufig von der mutigen Tat des Familienoberhaupts. Jahrzehntelang blieb der Verfasser des „Oslo-Reports“ unbekannt, der dem britischen Geheimdienst kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Interna über Entwicklungen in der deutschen Rüs­tungsforschung zuspielte.

Autor war der deutsche Physiker Hans Ferdinand Mayer, der in leitender Position bei Siemens in Berlin arbeitete. Er hatte eine Dienstreise nach Norwegen genutzt, um in seinem Osloer Hotel einen mehrsei­ti­gen Bericht über militärtechnische Forschungsaktivitäten Nazi-Deutschlands zu verfassen, namentlich im Bereich der Radar- und Raketentechnik, und diesen dem Briefkasten der britischen Botschaft anzuvertrauen. Seine Hoffnung, dass das brisante Dossier den Weg zum britischen Geheimdienst finden würde, erfüllte sich. Die Informationen wurden sogar dem britischen Kriegskabinett und Premier Winston Churchill persönlich vorgelegt. Sie halfen, den entsprechenden britischen Forschungen höchste Priorität einzuräumen und leisteten einen wichtigen Beitrag für den Sieg der Royal Airforce bei der Luftschlacht um England 1941. Erst Ende 1989 – zum 50-jährigen Jubiläum des Berichts und fast zehn Jahre nach Mayers Tod – enthüllte eine Buchpublikation des damals zuständigen MI6-Mitarbeiters die Identität des Informanten. Im Trubel des Mauer­falls und seiner Folgen fand die sensationelle Enthüllung in Deutschland kaum Beachtung.

Im vorliegenden Buch analysiert der Wiener Wissenschaftsjournalist David Rennert kenntnisreich und gut recherchiert die Lebensgeschichte Hans Ferdinand Mayers, wie auch die „Rezeptionsgeschichte“ des Oslo-Reports; nicht zuletzt erörtert Rennert ausführlich die Gründe für das ungewöhnlich lange Verschweigen der Identität seines Verfassers. Er schildert dabei nicht nur souverän die historischen und wissenschaftshistorischen Kontexte sowie die physikalischen und technischen Grundlagen der Radartechnik, sondern fördert auch manches erstaunliche Detail zutage: So gehörte Mayer zur Schule des Physik-Nobelpreisträgers und Begründers der „Deutschen Physik“ Philipp Lenard, der trotz seiner NS-Überzeugung half, eine Anklage Mayers wegen des Abhörens von Feindsendern und Verbreitung von Feindpropaganda abzuwenden. Statt aufs Schafott kam Mayer im Sommer 1943 als Schutzhäftling ins KZ Sachsenhausen und musste bis zum Ende der NS-Diktatur in einem speziellen SS-Institut Forschungen für das deutsche Radar durchführen. Nach Kriegsende erhielt er als hochkarätiger Nachrichtentechniker eine „Einladung“ in die USA und 1947 sogar eine Professur an der renommierten Cornell University. Doch die Familie wurde in der „neuen Welt“ nicht heimisch und kehrte 1950 nach Deutschland zurück. Dort setzte Mayer seine Karriere bei Siemens fort, die ihn bis in den Vorstand des Konzerns führte – seine Identität als Verfasser des Oslo-Reports hat er jedoch bis zu seinem Tod im Jahre 1980 konsequent verschwiegen.

Was für ein ungewöhnliches Verhalten und außergewöhnliches Leben! Darüber gibt das vorliegende Buch kundig und gut lesbar Auskunft.

Dieter Hoffmann,
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin

Weitere Informationen:

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