Rezension

Best of Lem

Stanisław Lem, Best of Lem, hrsg. und mit einem Nachwort von Jan-Erik Strasser, Suhrkamp, Berlin 2021, brosch., 528. S., 12 Euro, ISBN 9783518471470

Die Aktivitäten von Suhrkamp zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem sind recht übersichtlich. Drei Klassiker werden in neuer Ausstattung veröffentlicht: „Die Sterntagebücher“ (in der erweiterten Version von 1998), „Der futurologische Kongress“ und „Der Unbesiegbare“. Erhellende Vor- oder Nachworte gibt es nicht als Zugabe. Auch zwei 50-jährige Jubiläen werden nicht gewürdigt: 1971 veröffentlichte der zu Suhrkamp gehörende Insel-Verlag erstmals eine Geschichte von Stanisław Lem in der Anthologie „Die Ratte im Laybrinth“ und im gleichen Jahr erschien die polnische Erstausgabe von "Der futurologische Kongress".

Neu ist allenfalls der Sammelband „Best of Lem“, mit – wie es in der Verlagsbeschreibung heißt – „Erzählungen und Kostproben sowohl der berühmten, vielfach verfilmten und millionenfach gelesenen und geliebten Bücher als auch unbekannteren, aber ebenso aufregenden Glanzlichtern aus den 50 Jahren“.

Im wesentlichen handelt es sich bei „Best of Lem“ um eine chronologisch angeordnete Sammlung von bereits veröffentlichten Erzählungen und Roman-Auszügen, angefangen vom Frühwerk „Der Mensch vom Mars“ von 1946 bis zu einem späten Essay von 2001. Roman-Auszüge haben immer etwas Unbefriedigendes, und diese Anthologie hat einfach zu viel davon. Über die Hälfte der 22 Texte sind Ausschnitte aus Romanen oder längeren Werken.

Da finde ich die Idee des polnischen Verlags Wydawnictwo Literackie, in dem seit Mitte der 1950er-Jahre Lems Werke erscheinen, viel besser, nämlich die 15 beliebtesten Lem-Erzählungen in einer Leserbefragung zu ermitteln und in einem Sammelband (Fantastyczny Lem) zu veröffentlichen. Allerdings entstand der Band, der jetzt zum Jubiläum neu aufgelegt wurde, bereits 2016, dem Jahr des 10. Todestages von Lem.

Das Nachwort von „Best of Lem“ lässt mich insgesamt verwundert zurück. Über die Auswahl der Texte erfährt man vom  Herausgeber Jan Erik Strasser, Wissenschaftslektor bei Suhrkamp, im Wesentlichen, dass diese aus der "mittleren Periode" von Lems Schaffen stammen, gemeint sind die Jahre von 1960 bis 1980. Vieles andere  klingt vage und man erhält den Eindruck, als wäre Lem sehr gänzlich neu zu entdecken und als hätte sich noch nie jemand ausführlicher über ihn geäußert.

„Skandale, Dramen oder Triumphe sind keine bekannt“, schreibt Strasser. Das stimmt schon nicht, wenn man an Lems Erlebnisse in der Zeit des Zweiten Weltkrieges denkt, die dramatisch und auch tragisch sind. Triumphe erlebte er z.B. in der Sowjetunion und einen veritablen Skandal gab es um die Zu- und Aberkennung seiner Ehrenmitgliedschaft in der Organisation Science Fiction and Fantasy Writers of America.

Dass Lem „um 1960 zum größten SF-Autor der Welt wird“ steht im Widerspruch zur Publikationsgeschichte. Lems Siegeszug in der literarischen Welt fand bis Ende der 1960er-Jahre hauptsächlich in Polen, der Sowjetunion und der DDR statt. Sein Erfolg im Westen begann mit den ersten Büchern, die ab 1971 in der BRD erschienen. Dass die USA, in denen er erst sehr spät mit seinen Werken Fuß fassen konnte, ein viel besseres Umfeld für Lem gewesen wären, wie Strasser mutmaßt, halte ich für ein unnötiges Gedankenspiel.

Seltsam finde ich es, wenn der Herausgeber am Schluss seines Nachwortes eine Kluft aufmacht zwischen einer sich „furchtbar wichtig nehmenden ‚ernsten‘ Literatur“ und einer Literatur, „deren Welten Natur- und Plotgesetzen folgen und dessen Protagonisten vernünftiger sind als üblich“. Lem ist es gerade von Polen aus gelungen, die Science Fiction eigenständig auf ein hohes literarisches Niveau zu heben. Da hätte man z.B. Lems eigene Äußerungen über das Verhältnis seiner Werke zur zeitgenössischen Literatur heranziehen können.

Seine diesbezügliche Haltung bringt Lem beispielsweise in einem Interview zum Ausdruck, das im Anhang des Sammelbandes „Die Phantastischen Erzählungen des Stanislaw Lem“ (Insel, Frankfurt 1980) erschienen ist: „Die ‚Mainstream‘-Literatur, die traditionell dem Schopenhauerschen Principium individuationis ergeben ist – die also alles, was erfahren, durchlebt und erkannt werden kann, ausschließlich am Los von Individuen oder kleinsten Menschengruppen auslegt – kann – solange dieser Zugriff beibehalten wird – das alles kaum erfassen, was das Eschatologische unserer Zeit ausmacht.“

Diese Anthologie ist wirklich eine verschenkte Gelegenheit. Daher ist man zum Einstieg in die Lem-Lektüre mit seinen Klassikern oder dem genannten Sammelband (bei Suhrkamp lieferbar, leider ohne den Anhang) besser bedient.

Alexander Pawlak
 

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