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Chemiker im Dritten Reich

  • von H. Maier
  • 27. April 2016
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H. Maier, Chemiker im Dritten Reich, Wiley-VCH 2015, 731 S., geb., 99,00 €, ISBN 9783527338467

In den letzten Jahrzehnten hat es zahlreiche Untersuchungen zu einzelnen Universitäten, Unternehmen, Museen und Fachdisziplinen gegeben. Das vorliegende Werk ist nach Ute Deichmanns Monographie „Flüchten, Mitmachen, Vergessen“ zwar nicht das erste zur Chemie in jener Zeit, setzt aber auf der Grundlage von neuem, umfangreichem Quellenmaterial mit der Behandlung der großen Berufsorganisationen einen anderen Schwerpunkt.

Die Situation der Chemiker in Deutschland unterschied sich von derjenigen anderer Naturwissenschaftler zum einen durch ihre hohe Zahl, die mit rund 10 000 eine Größenordnung über derjenigen der Physiker lag, zum anderen durch ihr heterogenes Berufsbild mit starker Verbindung zur Industrie. Das schlug sich in der Organisationsstruktur wieder. Während der Verband Deutscher Chemiker (VdCh) einen eher berufsständischen Charakter besaß, repräsentierte die kleinere Deutsche Chemische Gesellschaft (DChG) mit einem hohen Ausländeranteil die wissenschaftliche Seite.

Der Autor zeigt akribisch auf, wie sich diese Organisationen aus eigenem Antrieb in den NS-Staat einbrachten („Selbstgleichschaltung“). Dabei gab es Widerstand gegen die Eingliederung in den Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik (NSBDT), weil Chemiker sich als Naturwissenschaftler und nicht als Ingenieure sehen wollten. Das war nicht ganz erfolglos, weil sie auch innerhalb dieses Verbandes weitgehend selbstständig bleiben konnten. Die „Arisierung“ wurde durchaus differenziert abgewickelt, und der Autor ist in der Lage zu belegen, dass die Organisationen selbst hier beachtliche Handlungsspielräume besaßen.

Insbesondere die international vernetzte DChG konnte „nicht­arische“ Altmitglieder lange halten, allerdings weniger aus kollegialer Solidarität als aus wirtschaftlichen Interessen, weil man ansonsten um die devisenträchtigen Auslandskontakte fürchtete. Detailliert erläutert Maier die Beiträge der Chemiker zu „Autarkisierung, Aufrüstung und Kriegsführung“, wobei die Bedeutung der Chemie für den Krieg auch daran ablesbar ist, dass der Anteil der durch Kriegseinwirkung umgekommenen Chemiker deutlich unterdurchschnittlich gewesen ist.

Einzelne Fehler wie die Verwechslung von Personen sind angesichts der vom Autor zusammengetragenen Materialfülle fast unvermeidlich. Beim Umgang mit dem Begriff „jüdisch“ zeigt sich der Autor unsicher, wenn er manchmal Anführungszeichen setzt oder „jüdische Abstammung“ wechselweise mit „nichtarisch“ verwendet. Wenn er in einem Fall die Charakterisierung „assimilierter Jude“ ohne Kommentar zitiert, so erhält diese Normalität in der europäischen Bildungselite zu Unrecht den Anschein des Ungewöhnlichen. Nicht alle diese Zuschreibungen sind immer richtig, und einmal verfällt der Autor sogar in den zeitgenössischen Jargon, wenn er den „Juden Herz“ (S. 148) zitiert.

Aber das sind Marginalien, die den Wert eines solchen Werkes nicht wesentlich vermindert hätten. Der Text entzieht sich jedoch einer leichten Lesbarkeit. Der Autor wollte sich nicht damit begnügen, nur eine Geschichte zu schreiben, sondern es war ihm ein Anliegen, außerdem eine umfangreiche Dokumentation zu erstellen, die in 117 (!) Tabellen unter anderem lange Namenslisten von NSDAP-Mitgliedern, emigrierten, ermordeten und gefallenen Chemikern enthält. Auch die detailreichen Schilderungen einzelner Kontroversen und Intrigen mit immer neuen (meist gut dokumen­tierten) Namen lassen keinen ungehemmten Lesefluss zu. Dazu kommt ein gewichtiger inhaltlicher Mangel, der nicht nur Physiker stören wird. Obwohl der Autor sich in mehr als 2600 (!) Fuß­noten auf eine umfangreiche Kenntnis von Quellen und Sekun­därliteratur stützt, ignoriert er weit­gehend die bisher geleistete Forschung zur Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) im Nationalsozialismus. Dabei geht es nicht nur um einen Eintrag in der Literatur­liste. Der Autor bringt sich um die Möglichkeit des Vergleichs mit einer „Schwesterorganisation“, der manche seiner Aussagen in einen größeren Zusammenhang stellen bzw. relativieren würde. So sucht er am Beginn von Kapitel 5 nach Gründen für eine vermeintliche Sonderstellung der Chemie, die er bei den von ihm angeführten Kriterien auch der Physik hätte attestieren müssen, aber das wird von ihm gar nicht erst diskutiert. Dann wäre es auch nicht zu der Fehlleis-tung einer eigentlich unplausiblen Datierung jenes Schreibens der Bunsen-Gesellschaft gekommen, das „reichsdeutsche Juden“ zum Austritt nötigte. Die Ähnlichkeit mit dem Wortlaut eines Rundschreibens des DPG-Vorsitzenden Peter Debye vom 10. Dezember 1938 ist offensichtlich, aber Maier scheint es nicht zu kennen und kommentiert es demzufolge nicht. Anders als von ihm vermerkt, geschah dies nicht 1937, sondern erst genau eine Woche nach den Physikern, am 17. Dezember 1938, womit es in einem anderen Kontext stand.

Insoweit enthält dieses Werk zwar eine der umfangreichsten Dokumentationen dieser Art, ist da­mit auch eine Art von Gedenkbuch, gibt Einblick in einige bislang nicht bekannte Zusammenhänge, leidet aber unter den erwähnten Mängeln.

Stefan L. Wolff

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