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Das Prinzip

  • von Jérôme Ferrari
  • 05. January 2016
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Jérôme Ferrari: Das Prinzip Secession, Berlin 2015, 133 S., geb., 19,95 €, ISBN 9783905951653

Der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari nimmt das Leben Werner Heisenbergs zum Anlass, um über die Schönheit des Erhabenen und die Schrecken seiner Abgründe zu schreiben. Der Ich-Erzähler berichtet in vier kurzen Kapiteln, wie Werner Heisenberg als junger Mann seinen Ort als Physiker einnimmt und die Matrizenmechanik entwickelt („Positionen“, 1901 – 33); wie er sich im Dritten Reich zur Bewegung verhält, „mitgerissen mit unbestimmter Geschwindigkeit“, sich maßgeblich am Uranprojekt beteiligt und Niels Bohr in Kopenhagen besucht („Geschwindigkeit“, 1933 – 45); wie er mit Kollegen in Farm Hall interniert wurde und auf die erste Atombombenexplosion reagierte („Energie“, 1945 – 46); und wie er nach dem Krieg eine Rede über die Bedeutung der Physik für unsere Zeit hält („Zeit“, nach 1953). Ferrari gelingen eindrucksvolle Bilder und Szenen über ein Gelehrtenschicksal in Deutschland im 20. Jahrhundert, in dem auch Ernst Jünger und Martin Heidegger kurz auftreten. Gekonnt ist vor allem die Komposition, die all dies auf nur 130 Seiten ineinander verwebt, ohne explizit konstruiert zu wirken. Das Buch ist aber keine literarische Biografie, sondern eher eine philosophische Reflexion über das Wahre, Gute und Schöne angesichts der Zerstörung der Welt – literarisch fokussiert in der Frage Heisenbergs bei seiner Verhaftung am Kriegsende: „Haben Sie je Schöneres gesehen?“ In dichter, metaphernreicher Sprache nähert der Erzähler sich Heisenberg. Inhaltlich wird nicht mehr erzählt als man aus einschlägigen Büchern erfahren kann – allerdings nicht in dieser literarischen Sprache, die eindringlich Assoziationen zur conditio humana hervorruft, denen zu folgen es sich lohnt. So scheint in jedem Kapitel ein anderer Stil auf, etwa das unsichere Erzählen in „Geschwindigkeit“ über die unentwirrbaren, verdrängten Verstrickungen in der deutschen Diktatur oder in „Zeit“ angesichts der in Ruinen liegenden Welt ein poetisches Totengespräch über den Ort, „wo man die Gewissheit hat, dass die Liebe Gottes nicht lügt“, über die Schönheit im moralischen Menschen, in Musik, Naturempfinden und auch in mathematischer Naturbeschreibung. Manches ist unangebracht wie die Metaphern des Kampfes und des Stahlgewitters, um zur Kreativität Heisenbergs den Kontrapunkt Ernst Jünger setzen und pathetisch nicht nur den Gott der Erkenntnis, sondern auch des Schreckens evozieren zu können. Anderes ist dürftig wie die eingeflochtene Entwicklungsgeschichte des Erzählers vom unbedarften Philosophiestudenten über den dubiose Geschäfte machenden Händler zum mitfühlenden und verstehenden Zeitgenossen. Das kann kaum das Fehlen spannender Handlungen im Roman verdecken, der dennoch ein schönes Beispiel für die Nähe von Dichtung und Physik ist, die beide versuchen, die Wirklichkeit zu beschreiben. Dort, wo eine Ungleichung ein Prinzip auf den Punkt bringt, kann die Literatur ausloten, was durch Präzision ausgeblendet wird: das „Auflösungsurteil [...], das die letzten Bestandteile der Materie in Kreaturen der Vorhölle verwandelt, blasser und durchsichtiger als Gespenster – arme Dinger ohne Eigenschaften“. Dort, wo sich die präzisen Gedanken entziehen, hat man die Wahl „zwischen einer Metapher und dem Schweigen“. Eine Einsicht, die auch dem Physiker Werner Heisenberg nicht fremd war – wissend, „dass die Dinge keinen Grund besitzen“. Ein lesenswertes Buch.

Klaus Mecke

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