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The Quantum Dissidents

  • von O. Freire Junior
  • 22. November 2016
thumbnail image: The Quantum Dissidents

O. Freire Junior: The Quantum Dissidents, Springer, Berlin, Heidelberg 2015, geb., 80,24 €, ISBN 9783662446614

Der brasilianische Physikhistoriker Olival Freire Jr. legt mit „The Quantum Dissidents“ ein exzellentes Werk vor – so viel sei bereits am Anfang vorweggenommen. Im Gegensatz zu den Debatten über die Quantenmechanik und ihre Deutungen in den 1920er- und 1930er-Jahren wurden die physikalischen Diskussionen in der Nachkriegszeit bislang nur in Einzelaspekten analysiert, eine systematische historische Aufarbeitung fehlte. Freires Buch schließt nun diese Lücke.

Den Ausgangspunkt seiner Arbeit bilden die beiden häretischen Deutungen der Quantenmechanik von David Bohm und Hugh Everett in den 1950er-Jahren. Daran schließt sich der weniger bekannte Disput zwischen John A. Wheeler und Léon Rosenfeld um das Verständnis des quantenmechanischen Messprozesses an. Freire setzt gekonnt die physikalischen Debatten in den politischen, kulturellen und sozialen Kontext der Zeit. Dies wird bereits in den ersten Kapiteln deutlich und mündet in eine lebhafte Schilderung der „Varenna Summer Schools on The Foundation of Quantum Mechanics“, die zu einem Woodstock der Quanten-Dissidenten wurde, so Freire. In den Diskussionen der Summer Schools waren Physik, Politik und Weltanschauung nicht mehr zu trennen.

Für junge Physiker konnte die Kritik der herrschenden Deutungen der Quantenmechanik bis hin zu Brüchen in ihrem Karriereverlauf führen. Dies änderte sich grund­legend, als es möglich wurde, die Gedankenexperimente aus der Theo­rie auf den Labortisch zu holen. Freire beschreibt diese Entwicklung ausgehend von der 1965 publizierten Bellschen Ungleichung über Alain Aspects Pionierarbeiten bis hin in die 1990er-Jahre. Neue Techniken und ihre kontinuierlichen Verfeinerungen warfen neue Fragen auf. Die anfangs philosophischen Randfragen wandelten sich zur Mainstreamphysik in der Quantenoptik und Quanteninformation. So versteht Freire sein Buch zurecht nicht nur als eine Geschichte über die Debatten zur Quantentheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch als eine Vorgeschichte der Quanteninformation.

Manche Teile des Buches wurden bereits in einzelnen Aufsätzen publiziert. Freire hat diese nochmals überarbeitet und ergänzt, sodass der Band in Verbindung mit seinen neuen Arbeiten ein kohärentes Ganzes ergibt. Dieses stimmige Gesamtbild wird allerdings von der Aufmachung der einzelnen Kapitel durchbrochen: Jedes Kapitel wird von einem eigenen Abstract eingeleitet und mit einer eigenen Zusammenfassung und Bibliografie abgeschlossen. Dies hemmt den Lesefluss, erschwert dem Leser das Arbeiten mit dem Band und erweckt aufgrund des stimmigen gesamten Buches einen falschen Eindruck. Inhaltlich handelt es sich um ein äußerst sorgfältig erarbeitetes Buch, das eine Forschungslücke schließt. Trotz der formalen Abstriche kann es nur wärmstens zur Lektüre empfohlen werden.

Christian Forstner

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