Einsteins treuer Astronom

  • 24. July 2014

Erwin Freundlich, der erste Direktor des „Einsteinturms“, starb vor 50 Jahren.

Erwin Finlay Freundlich (1885 – 1964) mag zwar nicht zu den überragenden Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts zählen, aber dennoch ist es angebracht, an ihn zu erinnern: Als erster Astronom versuchte er, die Vorhersagen der Relativitätstheorie experimentell zu bestätigen. Dass er dabei wenig erfolgreich war, lag nicht an ihm. Auf fast allen seinen Expeditionen zu Sonnenfinsternissen verdarb schlechtes Wetter seine Messungen. Und die Rotverschiebung im Spektrum der Sonne ist von zu vielen Phänomenen überlagert, als dass man sie mit den damaligen Methoden im eigens dafür erbauten „Einsteinturm“ hätte messen können.

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Erwin Freundlich war erster Direktor des Sonnenobservatoriums Einsteinturm in Potsdam, das 1924 fertiggestellt wurde. (Foto: Astrophysikalisches Institut Potsdam)


Der Sohn eines Gießereibesitzers aus Biebrich am Rhein wollte zunächst Schiffsbau studieren, schrieb sich dann aber 1905 in Göttingen für Mathematik und Astronomie ein. Seine Doktorarbeit über analytische Funktionen schloss er im Januar 1910 bei Felix Klein ab. Auf dessen Vermittlung erhielt er eine Anstellung an der Königlichen Sternwarte in Berlin. Freundlich soll darüber wenig erbaut gewesen sein, weil er kaum Kenntnisse in praktischer Astronomie hatte. Die Routinearbeiten begannen ihn bald zu langweilen, so dass es ihm sehr gelegen kam, als er im August 1911 von zwei Vorhersagen Albert Einsteins von der Universität Prag erfuhr. Dieser suchte Astronomen, die nach der Ablenkung des Lichts weit entfernter Sterne im Schwerefeld der Sonne suchen sollten sowie nach der Rotverschiebung im Sonnenspektrum.

Weil beide von Einstein vorhergesagten Effekte extrem klein waren, irgnorierten die meisten Astronomen sie zunächst. Freundlich aber setzte in seinen freien Stunden alles daran, Einsteins Vorhersagen zu bestätigen. Nachdem er festgestellt hatte, dass alle in Potsdam verfügbaren Aufnahmen früherer Sonnenfinsternisse für seine Zwecke ungeeignet waren, schrieb er an die wichtigsten Kollegen in aller Welt und bat sie um gute Reproduktionen ihrer Aufnahmen. Doch auch diese erwiesen sich als unbrauchbar, da „die ungenügende Schärfe der Sternbilder eine Ausmessung der Platten illusorisch machte.“

Ende 1913 entschied sich Freundlich deshalb für eine eigene Expedition in die Krim, wo er die Sonnenfinsternis vom 21. August 1914 beobachten wollte. Einstein lag viel daran: In einem Brief an Freundlich bot er an, dafür 2000 Mark von seinem Ersparten beizusteuern. Doch das war nicht notwendig, weil die Akademie der Wissenschaften (dank der Fürsprache von Max Planck) und die Krupp-Stiftung die Kosten übernahmen.

Am 19. Juli brach Freundlich mit seinem Kollegen Walther Zurhellen und einem Techniker der Firma Carl Zeiss Berlin auf. Eine Woche später traf er auf der Krim mit dem Team der argentinischen Sternwarte von Cordoba zusammen, deren Instrumente er mit benutzen sollte. Doch nach der Kriegserklärung Deutschlands an Russland wurden die Expeditionsteilnehmer zu feindlichen Ausländern erklärt und in Gefangenenlagern interniert, ihre Geräte konfisziert.

Freundlich wurde nach einigen Wochen gegen in Gefangenschaft geratene russische Offiziere ausgetauscht. Nach seiner Rückkehr beschloss er, den Effekt der Lichtablenkung stattdessen im Schwerefeld des Jupiters zu messen. Einstein ließ seine Kontakte zum Kultusministerium spielen, um Freundlich von seinen regulären Pflichten an der Berliner Sternwarte zu entbinden – was deren erzürnter Direktor Hermann Struve aber entschieden ablehnte. Freundlich verlegte sich nun darauf, die Rotverschiebung des Sonnenspektrums nachzuweisen. Da ihm jedoch in einigen Publikationen Fehler unterliefen, wurde er von seinen Fachkollegen, insbesondere dem Münchener Astronomen Hugo Ritter von Seeliger, heftig angegriffen. Freundlich steckte dabei Prügel ein, die letztlich Einstein galt.

Als Einstein 1917 Direktor des für ihn geschaffenen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik wurde, stellte er Freundlich als seinen ersten wissenschaftlichen Mitarbeiter ein. Einen weiteren Schub erhielt Freundlichs Karriere 1919, nachdem die britischen Astrophysiker Arthur Stanley Eddington und Frank Watson Dyson bei ihrer Sonnenfinsternis-Expedition auf die Vulkaninsel Príncipe im Golf von Guinea in Westafrika die vorhergesagte Lichtablenkung gemessen hatten. Einstein wurde dadurch schlagartig berühmt. Die preußische Staatsregierung stellte daraufhin 1,5 Millionen Mark Fördermittel für weitere Forschungsvorhaben zur Bestätigung der Relativitätstheorie zur Verfügung.

Freundlich ergriff die Gelegenheit und schlug vor, für die Messung der Rotverschiebung ein Turmteleskop nach dem Vorbild des Teleskops auf dem Mount Wilson in Kalifornien zu errichten. Er wurde zur treibenden Kraft der „Einstein-Spende“, einem Aufruf, den alle maßgeblichen Physiker und Astronomen der Berliner Akademie und Adolf von Harnack, der Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, unterzeichneten. Die Firmen Zeiss und Schott steuerten die optischen Instrumente zum Selbstkostenpreis bei. Schon im Frühjahr 1920 konnte mit der Planung des „Einsteinurms“ begonnen werden, dessen Direktor Freundlich wurde.

Nun, da sich das Blatt zu Einsteins Gunsten gewendet hatte und dessen Relativitätstheorie anerkannt und bewundert wurde, vollzog Freundlich eine weitere Karriere schädigende Wendung. Denn die gemessenen Werte für die Rotverschiebung und die Lichtablenkung im Schwerefeld der Sonne lagen nicht im Rahmen dessen, was Einstein vorhersagte. Ab 1931 begann Freundlich an der Genauigkeit der Relativitätstheorie zu zweifeln. Damit gelangte er nicht nur erneut in die Position eines Außenseiters. Seine Haltung entfremdete ihn auch zunehmend von Einstein. Dieser meinte dazu in einem Brief an Born: „Es ist eigentlich merkwürdig, daß die Menschen meist taub sind gegenüber den stärksten Argumenten, während sie stets dazu neigen, Meßgenauigkeiten zu überschätzen.“

1933 wurde Freundlich, der eine jüdische Großmutter hatte, entlassen. Er emigrierte nach Istanbul. Dort leitete er bis 1937 das Astronomische Institut und ging anschließend bis 1939 an die Universität Prag. Über Holland gelangte Freundlich schließlich an die Universität St. Andrews in Schottland, wo er von 1951 bis 1959 Professor für Astronomie war und zusätzlich den Nachnamen Finlay seiner schottischen Mutter übernahm. Zuletzt hatte er eine Honorarprofessor an der Universität in Mainz. Seinen Lebensabend verbrachte er mit seiner Frau in Wiesbaden, wo er am 24. Juli 1964 starb.

Anne Hardy

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