Ausstieg aus dem Einstieg

  • 11. June 2014

Das BMBF hat letzte Woche überraschend den Rückzug Deutschlands vom Radioteleskop „Square Kilometer Array“ verkündet.

Was für ein Paukenschlag: Am Donnerstag vor Pfingsten teilte BMBF-Staatssekretär Georg Schütte in einem offiziellen Schreiben dem Direktor des Square Kilometre Array (SKA) mit, dass Deutschland die SKA-Organisation Ende Juni 2015 verlassen würde. Diese Nachricht kam nur ein gutes Jahr nach der Ankündigung, dass sich Deutschland an den Vorbereitungen zu diesem Riesenprojekt der Radioastronomie, das in Südafrika und Australien entstehen soll, beteiligen würde. Und die Nachricht kam aus heiterem Himmel – weder die beteiligten Wissenschaftler noch die Max-Planck-Gesellschaft, die 50 Prozent des deutschen Beitrags zur SKA-Organisation zahlt, waren vorher über diese Entscheidung informiert bzw. in den Entscheidungsprozess einbezogen worden. Begründet wurde der Rückzug aus dem Projekt mit finanziellen Engpässen im Haushalt des BMBF. Dort steht SKA in Konkurrenz mit Großprojekten wie FAIR in Darmstadt, dem European XFEL in Hamburg und der Europäischen Spallationsneutronenquelle ESS im schwedischen Lund.

Wissenschaftler wie Michael Kramer, Direktor des MPI für Radioastronomie in Bonn, sind verwundert über diese übereilte Entscheidung: „Wir hatten noch nicht einmal über den deutschen Beitrag für SKA verhandelt. Deswegen ist die Begründung für mich nicht nachvollziehbar“, sagt Kramer. Er nimmt in dieser Woche an einer internationalen SKA-Konferenz in Italien teil und erlebt die Reaktionen der internationalen Partner hautnah. „Von außen mag man nicht glauben, dass finanzielle Probleme der wahre Grund für den Ausstieg sind, denn Deutschland ist nicht dafür bekannt, sich derzeit in finanziellen Schwierigkeiten zu befinden“, erklärt er. Die SKA-Partner befürchten, dass auch andere Länder ihre Mitgliedschaft überdenken bzw. ihre Pläne, der SKA-Organisation beizutreten, ad acta legen könnten. Damit könnte das größte wissenschaftliche Projekt in Afrika in Gefahr geraten.

Antennenschüsseln

Abb.: So könnten die 15 Meter großen Antennenschüsseln aussehen, die auf den gleichen Himmelsabschnitt ausgerichtet sind. (Bild: SKA Organisation)

Der deutsche Anteil an den Vorbereitungen für SKA ist hoch: Auf der jüngsten SKA-Tagung wurden Beiträge veröffentlicht, die den neuesten „science case“ für das Teleskop im Detail darstellen. Bei den Autoren ist Deutschland die drittstärkste Nation. All diese Wissenschaftler, aber auch die deutsche Industrie zählen nun zu den Verlierern durch den Ausstieg, denn nur Mitgliedsländer erhalten Zugang zum Teleskop und können sich für Aufträge während der Bauphase bewerben. „Die Radioastronomie und speziell das SKA hat die Forschung in Deutschland bislang stark beeinflusst. Diese Entscheidung schadet dem internationalen Ansehen der deutschen Wissenschaft sehr“, ist Claus Lämmerzahl vom ZARM der Universität Bremen überzeugt. Für ihn hat das SKA für die Astronomie die gleiche Bedeutung wie der LHC für die Teilchenphysik.

Die deutschen Astronomen werden jetzt versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Im Kontakt mit dem Ministerium wollen sie nicht nur den wissenschaftlichen Impact des Teleskops hervorheben, sondern auch den Technologieaspekt: „Das SKA wird einen um den Faktor 10 bis 100 höheren Datentransport verursachen als der globale Internetverkehr! Dafür muss die Industrie Technologien entwickeln. Dass deutsche Firmen hier keine Chance bekommen werden, finde ich traurig“, sagt Michael Kramer. Er sieht die Wissenschaftler in der Pflicht, ihren Standpunkt klar zu machen und den Politikern zu verdeutlichen, welche Konsequenzen der Ausstieg aus diesem Großprojekt hätte. „Meine Hoffnung ist, dass wir auf diesem Wege doch noch eine Finanzierungsmöglichkeit finden.“

Maike Pfalz

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