DPG macht Schule

  • 01. April 2014

Am 1. April hat die DPG zwei Studien vorgestellt. Eine gibt Empfehlungen für die Lehramtsausbildung an Hochschulen, die andere widmet sich der Frage der Unterrichtsversorgung im Fach Physik an weiterführenden Schulen.

Wohl kaum ein Fach ist bei Schülerinnen und Schülern so unbeliebt wie Physik. Speziell Mädchen wählen nur selten Physik-Leistungskurse oder lassen sich im Abitur in diesem Fach prüfen. Gepaart mit dem generellen Nachwuchsproblem in der Physik ist dies Grund genug für die DPG, sich schon seit Jahren in dem Bereich Lehrerausbildung und Schule zu engagieren. Am 1. April stellte die DPG nun zwei neue Studien vor, die sich genau diesem Themenbereich widmen. In der einen Studie geht es um die Lehramtsausbildung in der Physik, in der anderen um die Unterrichtsversorgung an weiterführenden Schulen in Deutschland.

Bereits im Jahr 2006 hat die DPG eine erste Studie zur Lehramtsausbildung veröffentlicht und darin ein eigenständiges Studium für das Lehramt gefordert, also ein Studium „sui generis“. Die aktuelle Studie konkretisiert diese Forderung und macht detaillierte Vorschläge, wie die nur 80 bis 100 Leistungspunkte (von 300 insgesamt), die in einem Lehramtsstudium auf die Fachausbildung in Physik entfallen, sinnvoll zu verteilen sind. „Unsere Studie ist ein Appell an die Hochschulen, sich nochmal ernsthaft mit der Frage der Lehramtsausbildung auseinanderzusetzen, und ein Appell an die Politik, denn ein eigenständiges Lehramtsstudium ist nur mit ausreichend Personal möglich“, führt Ingolf Hertel aus, der als WEH-Seniorprofessor an der HU Berlin für die Weiterentwicklung der Lehrerausbildung in der Physik zuständig ist und der gemeinsam mit Siegfried Großmann von der Universität Marburg die Studie koordiniert hat. Zudem solle man die Physik nicht streng fachsystematisch vermitteln, sondern möglichst häufig im Kontext von Alltag, Technik oder z. B. Sport. „Der Alltagsbezug ist in der Schule unabdingbar, sonst gewinnt man keinen Schüler für das Fach Physik“, ist Hertel überzeugt. Er erhofft sich zwischen den Universitäten einen „fruchtbaren Wettbewerb“ um die besten Lehramtsstudierenden. Seit der Studie im Jahr 2006 sieht er bereits Erfolge und klare Tendenzen, dass Lehramtsstudierende gleichberechtigt behandelt werden. Ein besonderes Anliegen ist ihm und den anderen Autoren der Studie, den besten Nachwuchs für den Lehrerberuf zu gewinnen: „Wir müssen in der Gesellschaft die Achtung vor dem Lehrerberuf steigern. Lehrer sind nicht die schlechteren Physiker, sondern sie haben ganz andere Aufgaben und eine ganz andere, sehr anspruchsvolle Ausbildung“, appelliert Ingolf Hertel.

In der zweiten Studie geht es um die Unterrichtsversorgung, Altersstruktur und das Wahlverhalten von Schülerinnen und Schülern. Die Studie beruht auf einer Befragung von 214 repräsentativ ausgewählten Schulen in zehn Bundesländern. Demnach besitzen über 80 Prozent der Physikunterrichtenden ein erstes und zweites Staatsexamen in Physik, entsprechend ist etwa jede siebte Physiklehrkraft nicht voll ausgebildet. Der Bedarf an Physiklehrkräften ist nach wie vor hoch und wird es vermutlich auch bleiben. In den östlichen Bundesländern liegt der Anteil der Lehrer über 50 Jahre bei etwa 60 bis 70 Prozent. „An vielen Orten fehlt hier auch heute der Nachwuchs, teilweise wird aufgrund klammer Kassen nicht ausreichend eingestellt“, führt Michael Sinzinger aus, der die Studie koordiniert hat und Vorsitzender der DPG-Arbeitsgruppe Schule ist. Die Autoren der Studie fordern, den in wenigen Jahren absehbaren Bedarf mit voll ausgebildeten Lehrkräften zu ersetzen und nicht etwa mit Quereinsteigern wie in den Jahren 2006 bis 2009. „Wir müssen zusehen, dass wir junge Menschen für diesen Beruf motivieren“, bekräftigt Sinzinger. „Gleichzeitig stehen die Kultusministerien in der Pflicht, vorausschauend zu planen und dem Nachwuchs angemessene Einstellungschancen zu bieten.“

Haben Schüler in der Sekundarstufe I Wahlmöglichkeiten, entscheidet sich knapp die Hälfte für einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt, in den letzten beiden Schuljahren belegen 40 Prozent aller Schüler Physik, jeder dritte davon einen Kurs mit erhöhtem Anforderungsniveau. Doch nur 11 Prozent der Schüler wählen Physik als Abiturfach. Bei den Mädchen sieht es noch schlechter aus: „Mädchen sind eklatant unterrepräsentiert! Die Gründe hierfür sind vielfältig, ein entscheidender aber ist: Die Würfel fallen in den Jahrgängen 6 bis 9, also mitten in der Pubertät und in einer Zeit, in der Rollenerwartungen, Vorbilder und gesellschaftliche Klischees ganz wichtig sind. Und die Physik ist leider nicht sehr weiblich konnotiert“, bedauert Sinzinger.

Beide Studien machen nochmals klar, wie wichtig es ist, die öffentliche Wahrnehmung des Faches Physik zu stärken und gezielt Mädchen zu fördern und für die Physik zu begeistern. „In der Gesellschaft wird zwar wahrgenommen, dass die Physik wichtig ist. Aber machen sollen sie bitteschön die anderen“, erklärt Michael Sinzinger. „Hier ist die DPG gefragt, die Physik näher an die Menschen zu bringen und an den Nachwuchs zu appellieren: Wir brauchen euch!“

Maike Pfalz

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