Die Chancen der Chancengleichheit

  • 31. October 2013

Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie in der Physik war Thema einer öffentlichen Podiumsdiskussion im Magnus-Haus Berlin.

Warum sind Frauen in Führungspositionen von Wirtschaft und Wissenschaft immer noch unterrepräsentiert? Auf welcher Karrierestufe gehen qualifizierte Frauen verloren? Welche Maßnahmen sind nötig, um Familie und Karriere vereinbaren zu können? Diese Fragen sind Dauerbrenner, wenn es darum geht, die Chancengleichheit von Frau und Mann zu verwirklichen, gerade in der Physik, wo der Frauenanteil im Vergleich zu anderen Fächern schon im Studium besonders klein ist.

Daher luden die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und ihr Arbeitskreis Chancengleichheit (AKC) am 28. Oktober zu einer Podiumsdiskussion zur Frage nach der Vereinbarkeit von Karriere und Familie ins Magnus-Haus Berlin ein. Dort wurden auch erste Ergebnisse eines langfristig angelegten Projekts zu den Unterschieden in den Karriereverläufen von Physikerinnen und Physikern vorgestellt. 

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DPG-Präsidentin Johanna Stachel (rechts) mit den Teilnehmerinnen und dem Teilnehmer der Podiumsdiskussion zur Chancengleichheit in der Physik: Katrin Ganß, Ilona Westram, Stephanie Hansmann-Menzemer, Bettina Langfeldt, Susanne Ihsen, Doru C. Lupascu (v.l.n.r.). (Foto: Anja Sommerfeld)


Für die Ursachenforschung sind belastbare Zahlen äußerst wichtig. Daher präsentierte Bettina Langfeldt, Sozialwissenschaftlerin an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, vor der Diskussion Ergebnisse des von ihr geleiteten Projekts „Geschlechterdisparitäten in Berufs- und Karriereverläufen von PhysikerInnen und MathematikerInnen innerhalb und außerhalb klassischer Beschäftigungsmodelle“. Dafür wurden 4640 Studienabsolventen aus der Physik oder Physik-nahen Fächern befragt, die bereits in Gesellschaften wie der DPG vernetzt sind. Darunter sind 22,8% Frauen.

Die Untersuchung belegte, dass Frauen zugunsten ihrer Partnerschaft öfter auf eine durchgehende Erwerbstätigkeit und Vollzeittätigkeit verzichten als Männer. Dieser Unterschied vergrößert sich, wenn Kinder hinzukommen. Während 68 Prozent der Mütter ihre Arbeitszeit über den Erwerbsverlauf reduziert haben, waren es nur 29 Prozent der Väter. Für die Kinderbetreuung unterbrechen nur 12 Prozent der Männer ihre Erwerbstätigkeit, bei den Frauen sind es 62 Prozent, was oft einen deutlicheren Karriereknick bedeutet. So geben 41 Prozent der Frauen an, ihre Karriereziele hinausgeschoben zu haben. 21 Prozent gaben sich mit weniger interessanten Tätigkeiten zufrieden, die aber besser mit der Kinderbetreuung vereinbar waren. 16 Prozent gaben ihre Karriereziele sogar ganz auf. Nur 6 Prozent der befragten Frauen mussten nach eigener Angabe keine beruflichen Einschränkungen aufgrund ihrer Kinder in Kauf nehmen. Bei den Männern war dies für 33 Prozent der Fall.

Der Hauptgrund dafür, dass Frauen in Führungspositionen von Wissenschaft und Forschung unterrepräsentiert sind, liegt laut der Befragten in der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Oft angeführte Gründe wie eine vermeintlich schlechtere Vernetzung in der Community, eine geringere Förderung oder fehlendes strategisches Verhalten beurteilten die Befragten zumeist als unzutreffend.

Die von der AKC-Vorsitzenden Ilona Westram geleitete Diskussion im Anschluss machte deutlich, dass die Vereinbarkeit von Karriere und Familie etwas ist, was für beide Partner gilt und für beide vielleicht gleich schwierig ist. Susanne Ihsen, Professorin für Gender Studies in Ingenieurwissenschaften an der TU München, betonte, dass Frauen auch in Übergangsphasen für eine wissenschaftlich-technische Karriere verloren gingen, wie etwa von der Schule zum Studium oder vom Studium in den Beruf. Die Anregung eine solche Laufbahn einzuschlagen, sei also möglichst früh nötig, am besten bereits in der Schule.

Aus diesem Grund seien Mentoring-Maßnahmen und gezielte Programme der Hochschulen, die Frauen bei der beruflichen Entwicklung unterstützen, besonders wichtig, meinte Stephanie Hansmann-Menzemer, Physik-Professorin an der Universität Heidelberg. Ihr selbst ist es bereits auf dem Weg zur Professur gelungen, sowohl ihre Rolle als Mutter zweier Kinder wie auch als „Doktormutter“ miteinander zu vereinbaren.

Familiengerechte Hochschulen, die sich im Rahmen eines Audits entsprechend zertifizieren lassen können, würden laut Doru C. Lupascu, Professor am Institut für Materialwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, durchaus Erfolge zeigen. Für ihn und seine Frau war eine akademische Karriere nur dadurch möglich, dass beide über zehn Jahre getrennte Wohnsitze in Kauf nahmen und die Familiengründung weit nach hinten schoben. Trotz Maßnahmen wie der Einrichtung betriebseigener Kindergärten, fehle es aber nicht selten an Bewerberinnen, berichtete Katrin Ganß, Personalleiterin bei Heraeus Quarzglas, aus eigener Erfahrung.

Die Diskussion und die Stimmen aus dem Publikum machten deutlich, dass es nach wie vor einer gehörigen Portion eigenen Willens und Mutes bedarf, um als Frau Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren. Dass dies trotz aller Widerstände funktionieren kann und es eine Fülle unterschiedlicher Wege gibt, soll die Ausstellung „Lise Meitners Töchter, Physikerinnen stellen sich vor“ zeigen, die von der DPG und der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft (ÖPG) initiiert wurde. Begleitend ist dazu eine Publikation erschienen, welche 24 Porträts erfolgreicher Physikerinnen präsentiert. „Lebensläufe, die die verschiedensten Karrierewege aufzeigen, können eine große Unterstützung sein. Es gibt nicht ein Modell, das für alle funktioniert.“, betonte Johanna Stachel, deren Karriere ebenfalls vorgestellt wird und die seit April 2012 die erste Präsidentin in der langen Geschichte der DPG ist.

Alljährlich laden DPG und AKC zur Physikerinnentagung ein, die in diesem Jahr vom 31. Oktober bis zum 3. November in Heidelberg stattfindet. Hier bieten sich beste Bedingungen für den wissenschaftlichen Austausch sowie die Vernetzung zwischen Physikerinnen.

Katja Paff 

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