Wassertreten auf dem Mond

  • 13. September 2013

Die IgNobel-Preise 2013 sind verliehen worden, für wissenschaftliche Antworten auf Fragen, die sich noch kein Mensch zuvor gestellt hat.

Wirkt sich Opernmusik positiv auf Patienten nach einer Herztransplantation aus, vor allem, wenn es sich bei den Patienten um Mäuse handelt? Fühlen sich Betrunkene attraktiver? Wie rasch steht eine liegende Kuh auf in Abhängigkeit von der Zeit, die sie bereits liegt? Wenn wissenschaftliche Arbeiten zu solchen Fragen ausgezeichnet werden, dann ist klar: Es geht um die IgNobel-Preise, die auch in diesem Jahre wissenschaftliche Leistungen würdigen, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken zwingen … oder zumindest zum Stirnrunzeln.

Wie nicht anders zu erwarten, bietet natürlich der IgNobel-Preis für Physik profunde Einsichten. Und wie so oft erhalten keine Physiker diesen Preis, sondern Mediziner und Physiologen. Diesmal werden Wissenschaftler aus Italien und Russland für die Erkenntnis ausgezeichnet, dass auch Menschen über Wasser gehen können, vorausgesetzt, sie befinden sich auf dem Mond.

Wider Erwarten handelt es sich bei dieser bahnbrechenden Erkenntnis nicht um die Frucht rein theoretischer Überlegungen zur Frage, bei welcher Schwerkraft die Oberflächenspannung für den Menschen ausreicht. Stattdessen resultiert sie aus feuchtfröhlichen Experimenten: Das italienisch-russische Forscherteam simulierte die schwächere Schwerkraft auf anderen Himmelskörpern durch ein Geschirr, an dem die Versuchspersonen hingen. Diese trugen kleine Schwimmflossen an den Füßen und versuchten mit unterschiedlicher Schrittfrequenz, auf einem Planschbecken zu gehen.

Erst bei 22 Prozent der Erdschwerkraft war immerhin eine der Versuchspersonen erfolgreich und konnte über die Wasseroberfläche gehen ohne einzusinken. Die Schrittfrequenz betrug 1,92 Hz, die vertikale Geschwindigkeit des Knies 2,44 m/s. Dabei zeigte sich, dass sich diese Größen bei sinkender Schwerkraft nur unwesentlich änderten. Allerdings stieg die Zahl der erfolgreichen Testpersonen.
 

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Abb. Ein Leguan der Gattung Basilisken läuft über Wasser (A), ein Mensch versucht es ihm unter simulierter geringerer Schwerkraft nachzutun (B), wobei er Schwimmflossen trägt (C) (Quelle: A. E. Minetti et al., PLoS ONE 7(4): e35888)


Den zunehmend interdisziplinären Charakter der Forschung macht der diesmal verliehene IgNobel-Preis für Astronomie und Biologie deutlich. Er ehrt Biologen und Insektenkundler aus Südafrika und Schweden, die nachgewiesen haben, dass sich Mistkäfer in einer mondlosen Nacht anhand der Milchstraße orientieren. Mistkäfer waren bislang dafür bekannt, die Sonne, den Mond und die Polarisationsmuster des Himmels zu nutzen, um nicht vom geraden Pfad abzukommen. Dies gelang ihnen auch in mondlosen Nächten. Daher vermuteten die Forscher, die Käfer könnten sich ähnlich wie beispielsweise Vögel und der Mensch an den Sternen orientieren.

Der Nachweis dieser Hypothese gelang durch Versuche mit Mistkäfern in Planetarium von Johannesburg. Daraus lassen sich weitere wichtige Folgerungen ziehen: Selbst die kleinste Kreatur weiß um die erhabene Größe des Sternhimmels. Und Insekten, die einem im Planetarium begegnen, können Teil eines wissenschaftlichen Experiments sein.

Die überaus skurrile IgNobel-Zeremonie fand in diesem Jahr im ehrwürdigen Sanders Theatre der Harvard University vor über tausend Zuschauern statt. Wie immer fanden sich auch echte Nobelpreisträger ein, um die Preise zu übergeben, darunter die Physik-Nobelpreisträger Roy Glauber, Sheldon Glashow und Frank Wilczek.

Alexander Pawlak

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