Mit dem Zweiten hört man mehr

  • 29. November 2012

Die Physiker Birger Kollmeier und Volker Hohmann vom Oldenburger Exzellenzzentrum für Hörforschung sowie der Ingenieur Torsten Niederdränk von der Siemens AG in München sind mit dem Deutschen Zukunftspreis 2012 ausgezeichnet worden.

Das Jahr 2012 hätte für die Oldenburger Hörforscher nicht besser laufen können: Mitte Juni bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Exzellenzcluster „Hearing4All“, bei dem der Oldenburger Physikprofessor und Arzt Birger Kollmeier Sprecher ist. Und am 28. November zeichnete Bundespräsident Joachim Gauck das Team vom Institut für Physik und Exzellenzzentrum für Hörforschung der Universität Oldenburg und von der Siemens AG in München mit dem angesehenen Deutschen Zukunftspreis aus. Dieser mit 250.000 Euro dotierte Preis für Technik und Innovation würdigt die hervorragende Arbeit der Wissenschaftler, die neuartige binaurale Hörsysteme entwickelt haben. Während herkömmliche Hörgeräte meist nur darauf ausgelegt sind, ein einzelnes Ohr zu versorgen, sind bei binauralen Systemen zwei Hörgeräte in beiden Ohren gekoppelt und entsprechend des individuellen Hörschadens aufeinander abgestimmt. Die zwei Hörgeräte tauschen dazu per Funk Daten aus.

Ins Leben gerufen wurde der Zukunftspreis 1997 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog. Zu den wichtigsten Auswahlkriterien der Jury gehören neben der Forschungsleistung auch die Patent- und Marktfähigkeit. Diese Kriterien erfüllen die binauralen Hörsysteme auf jeden Fall: Weltweit werden jährlich rund acht Millionen Hörgeräte verkauft, bei einem Umsatz von fast drei Milliarden Euro und einer jährlichen Wachstumsrate von stolzen 20 Prozent. Die sechs weltweit größten Hersteller arbeiten eng mit den Forschern aus Oldenburg zusammen. „In 80 Prozent aller Hörgeräte weltweit steckt ein kleines Stück Oldenburg drin“, sagt daher Birger Kollmeier stolz. Die Wachstumsrate überrascht nicht, denn während bei Neugeborenen noch ein relativ geringer Anteil von gut 0,5 Prozent von Schwerhörigkeit betroffen ist, steigt diese Zahl bei den über 70-Jährigen auf rund 60 Prozent. In einer alternden Gesellschaft ist Schwerhörigkeit somit ein zunehmendes Problem.

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Aus den Händen von Bundespräsident Joachim Gauck (2. v. r.) erhielten Torsten Niederdränk, Birger Kollmeier und Volker Hohmann (v. l. n. r.) den Deutschen Zukunftspreis 2012. (Bild: Deutscher Zukunftspreis/bildschön)

Für die Betroffenen bedeutet ihre Schwerhörigkeit im sozialen Leben eine große Einschränkung, denn sobald sie einen Raum betreten, in dem sich mehrere Menschen gleichzeitig unterhalten, hören sie meist nicht mehr als einen Wortsalat. Hier sind herkömmliche Hörgeräte kaum eine Hilfe, aber binaurale Systeme ermöglichen räumliches Hören und meistern auch schwierige Situationen mit Nachhall und Störschall. Damit geben sie den Betroffenen viel Lebensqualität zurück. Die Firma Siemens Audiologische Technik entwickelte in einem Forscherteam um Torsten Niederdränk 2004 das erste binaurale Hörgerät und brachte es auf den Markt, weitere Produkte folgten. In den meisten davon steckt Technologie aus Oldenburg. Der dritte Preisträger – Volker Hohmann – leitet seit 2004 den Bereich Forschung und Entwicklung des Kompetenzzentrums für Hörgeräte-Systemtechnik HörTech gGmbH in Oldenburg.

Die Forscher aus Oldenburg und München haben zudem eine Diagnosemethode entwickelt, mit der sich ein Hörfehler genau ermitteln lässt und es damit erlaubt, Algorithmen zu entwickeln, die den individuellen Hörfehler gezielt kompensieren. Statt einer einfachen Verstärkung gilt es, den Schall gewissermaßen klarer zu machen.

Ein besonderes Anliegen ist es Birger Kollmeier auch, die Stigmatisierung durch ein Hörgerät abzuschaffen: „Wer ein Hörgerät trägt, gilt als alt oder gar dumm. Es sollte genau anders sein: Ein Hörgerät sollte zeigen, dass man offensiv mit seiner Hörschwäche umgeht und sich kümmert.“ Ziel sind daher Hörhilfen, die nicht nur immer kleiner werden, sondern letztlich nicht mehr sind als ein kleiner Chip in einem Smartphone, MP3-Player, Fernseher oder Radio. „Das Smarte am Smartphone ist, dass es die individuelle Hörstörung nicht nur beim Telefonieren korrigieren würde, sondern auch bei Konferenzen, beim Fernsehen oder Radio hören“, führt Birger Kollmeier aus. „Mittelfristig wird ein Hörgerät nichts anderes sein als eine App oder ein winziger Teil eines größeren Systems.“

Deutscher Zukunftspreis / Maike Pfalz

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