Die Exzellenzinitiative - Zwischenbilanz und Perspektiven

  • 08. March 2010

Studie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat in einer 300-seitigen Studie mit dem Titel
"Die Exzellenzinitiative - Zwischenbilanz und Perspektiven", die heute in Berlin vorgestellt wurde, bisher feststellbare Auswirkungen der "Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen" analysiert und einige Empfehlungen für die Fortsetzung (2011-2017) gegeben. Die Exzellenzinitiative wird als ein entscheidender Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschulpolitik gesehen.

"Die Exzellenzinitiative zeigt, wie kreativ das deutsche Wissenschaftssystem auf positive Anreize reagiert. Sie ist von zentraler Bedeutung für unser Hochschulsystem und verdient deshalb höchste Aufmerksamkeit. Akademien sind ein prädestinierter Ort, Auswirkungen und Entwicklungen, die durch solch eine Initiative ausgelöst wurden, analysierend und gegebenenfalls wertend zu begleiten", sagte Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Die ausführliche Studie - die zusammenfassende Thesen, ein Überblickskapitel und zehn Einzelbeiträge enthält - wurde von 14 Wissenschaftlern erarbeitet und beruht auf Anhörungen, Analysen und Experteninterviews. Wesentliche Ergebnisse sind:

  • Die Entscheidung, die Exzellenzinitiative fortzuführen, ist zu begrüßen, weil sie belegt, dass im föderalen System der Bundesrepublik Bund/Länder-Vereinbarungen zur Förderung der Wissenschaft und Forschung an Hochschulen getroffen und mit Leben gefüllt werden können, ohne dass wissenschaftliche Gütekriterien durch politisches Proporzdenken ausgehebelt werden. Sie hatte eine große Mobilisierungswirkung und sie hat viele institutioneller Neuerungen hervorgebracht. Es ist auch auf lange Frist unabdingbar, dass erhebliche Bundesmittel in solche Verbesserungen des Wissenschaftsstandorts Deutschland fließen. "Die Universitäten der Ivy League und die ETH sind auch nicht in zehn Jahren, sondern eher in Jahrhunderten exzellent geworden", sagte Stephan Leibfried der Herausgeber des Bandes. "Exzellenz kann man als Projekt angehen, man muss dann aber nachhaltig mit Strukturpolitik nachfassen."
  • Dass die Exzellenzinitiative in maßgeblicher Verantwortung von DFG und Wissenschaftsrat durchgeführt wird, also wissenschaftliche - und nicht politische - Kriterien den Ausschlag geben, ist von größter Wichtigkeit für die Qualität der Entscheidungen, für ihre Akzeptanz und für den Erfolg des ganzen Programms. Daran sollte auch über 2017 hinaus bei einer Exzellenzinitiative 3.0. festgehalten werden. Allerdings sollte das Verfahren transparenter, kriteriengeleiteter, mit mehr Zeit versehen sein und fachspezifischer zugeschnitten werden. Nur ein Vorschlag sei berichtet: "Die Schaffung von Wissenschaftsbereichskörben etwa in den Bereichen Lebens-, Natur-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften, innerhalb derer zunächst eine Qualitätsrangfolge ermittelt wird und die dann in einer Schlussrunde auf den strittigen Plätzen ohne feste Quotevorgaben miteinander abgeglichen wird", könnte, so der Mitautor und gremienerfahrene Michael Zürn, "viel dazu beitragen, um das Problem der bloßen Fiktion der Vergleichbarkeit des Verfahrens über Fächergruppen hinweg zu lindern."
  • Schon jetzt lassen sich einige nicht gewollte Nebenwirkungen der durch die Exzellenzinitiative eingeleiteten Differenzierungsprozesse in der Hochschullandschaft erkennen, die problematisch sind und mit denen die Wissenschaftspolitik heute pro-aktiv umgehen muss. Die Exzellenzinitiative hat Auswirkungen auf das ganze Hochschul- und Wissenschaftssystem, denen allein mit einer Evaluation ihrer Förderlinien nicht beizukommen ist: so schafft sie faktisch unterschiedliche Wissenschaftsligen, muss dort aber die Übergänge offen halten und auch das Verfolgerfeld fördern, um Wettbewerb nachhaltig anzuspornen - "sonst ruht sich die Elite zu sehr aus", sagte der Herausgeber; sie kann bundesweit gesehen zu Ungleichgewichten zwischen den Fächern und zu Überspezialisierungen ganzer Wissenschaftlergenerationen führen. Die sich für das Gesamtsystem ergebenden Effekte sollten systematisch beobachtet werden.
  • Die Exzellenzinitiative antwortet gezielt auf besondere Probleme der Spitzenforschung an deutschen Universitäten. Für die grundlegenden Probleme, die sich dort unter anderem im relativen Schwund der institutionellen Grundfinanzierung für die grundständige Lehre zeigen, bringt sie keine relevante Abhilfe. Dazu bedarf es u. a. der Fortschreibung und des Ausbaus des Hochschulpakts bzw. zusätzlicher gesamtstaatlicher Anstrengungen.
  • Auf die Dauer wird allerdings einer Ausweitung der Idee der Exzellenz selber anstehen: zumindest eine Ausweitung auf die Lehre. Die Ivy League ist gut, weil sie in Lehre und Forschung gleichermaßen gut ist. Nur mit einer mehrdimensionalen Exzellenz kann letztlich der Standort Deutschland insgesamt aufgewertet werden.
    Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

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