ESA im Alleingang?

  • 27. April 2011

Ausstieg der NASA beeinflusst Forschungsmissionen des nächsten Jahrzehnts.

Viele Forscher jenseits und diesseits des Atlantiks verfolgten seit einiger Zeit bangen Blickes die Entwicklung des James Webb Space Telescopes der NASA, dessen Budgetüberschreitung wahrhaft astronomische Probleme verursacht. Bei zahlreichen kleineren Vorhaben wurde bereits der Rotstift angesetzt, um Mittel für den ambitionierten Hubble-Nachfolger frei zu machen. Diese Wellen schlagen nun bis nach Europa durch: Die US-Raumfahrtbehörde sieht sich nicht mehr imstande, wesentliche Beiträge für die ESA-Vorhaben der „L-Klasse“ zu leisten, an denen man ursprünglich als gleichwertiger Partner mitarbeiten wollte. Das betrifft insbesondere die geplanten Großprojekte für das nächste Jahrzehnt, das Gravitationswellenobservatorium LISA, das Internationale Röntgenobservatorium IXO und die Planetenmission zum Jupitersystem, EJSM-Laplace. Im Juni wollte die ESA entscheiden, welcher dieser Vorschläge des Cosmic-Vision-Programms um 2020 herum an den Start gehen soll.

Da nun der große finanzielle Beitrag der NASA wegfällt, hat die ESA die Entscheidung bis Februar 2012 vertagt und die Teams der drei Projekte gebeten, deren Auslegung und wissenschaftliche Ziele an die veränderte Situation anzupassen. Karsten Danzmann vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, europäischer Vorsitzender des LISA-Wissenschaftlerteams, ist dennoch zuversichtlich: „Das europäische LISA-Team arbeitet derzeit mit Hochdruck an der Neuausrichtung. Wir sind optimistisch, auch unter den neuen Bedingungen herausragende Wissenschaft liefern zu können.“ Ähnliches ist aus Garching zu vernehmen. Am dortigen MPI für extraterrestrische Physik arbeiten die Wissenschaftler an einem neuen Design für den künftigen Röntgensatelliten, Arbeitsname Athena. „Die Diskussionen der letzten Wochen haben gezeigt, dass wir mit dem fortschrittlichen Konzept die wissenschaftlichen Ziele verfolgen können, die auch im Fokus von IXO standen. Insbesondere die Möglichkeiten zur Röntgenspektroskopie wird eine Vielzahl neuartiger astrophysikalischer Studien erlauben,“ so Forschungsgruppenleiter Hans Böhringer.

Am wenigsten Zeit am Reißbrett müssen die Planetenforscher aufwenden. Denn die Laplace-Mission zum Jupiter sollte von vornherein aus verschiedenen Sonden bestehen, die von den beteiligten Raumfahrtagenturen entwickelt und gestartet werden. „Wir haben eine machbare Mission, den Jupiter-Ganymed-Orbiter, und sind bereit, loszulegen,“ erklärt Michele Dougherty vom Imperial College London. „Aber wir werden die nächsten sechs Monate nutzen, um zu sehen, welche Möglichkeiten es noch gibt und ob wir zusätzliche Aspekte abdecken können.“

Die „mittelgroßen“ Projekte der Europäer sind, so Fabio Favata, Koordinator der astronomischen und grundlagenphysikalischen Missionen der ESA, vom US-Ausstieg voraussichtlich nicht betroffen. Darüber dürften insbesondere die zahlreichen deutschen Forscher erleichtert sein, die am Space-Time Explorer and Quantum Equivalence Principle Space Test (STE-QUEST) arbeiten. Mit ihm wollen sie mithilfe einer Atomuhr und eines Atominterferometers die Raumzeit und das Äquivalenzprinzip so genau vermessen, dass vielleicht Quanteneigenschaften der Gravitation zutage treten. Dieses Konzept erreichte im Februar neben dem Exoplanet Characterisation Observatory (EChO), dem Large Observatory For X-ray Timing (LOFT) und der Asteroiden-Probenrückholmission MarcoPolo-R die nächs­te Auswahlrunde von M-Klasse-Missionen. Die nun beginnenden Studien können demnach die möglichen Spezifikationen von Raumfahrzeug und Instrumenten ohne Änderungen am bislang angedachten Rahmen genauer festlegen. Voraussichtlich in zweieinhalb Jahren steht dann der Gewinner fest, der zwischen 2020 und 2022 abheben soll.

Oliver Dreissigacker

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