Wissenschaft auf Deutsch - wie lange noch?

  • 25. January 2011

Wenn Deutsch auch im Wissenschaftsbetrieb hierzulande nicht mehr benutzt wird, verliert es ­seine Tauglichkeit als Wissenschaftssprache.

Wissenschaft ist ein vitaler Teil unserer Kultur. Kann eine Nation mit kulturellem Anspruch es zulassen, dass dieser Bereich zunehmend von der Landessprache abgekoppelt wird, dass sich die Neuerungen der Forschung kaum noch in der eigenen Sprache beschreiben lassen? Und bedeutet der Verzicht auf die Muttersprache im Wissenschaftsalltag keinerlei Hemmnis und Qualitätsverlust bei der schöpferischen Arbeit?

Sprach- und kulturfördernde Einrichtungen wie der Deutsche Akademische Austauschdienst und das Goethe-Institut haben die Bedeutung dieser Fragen erkannt und verlangen, dass Deutsch als Wissenschaftssprache stärker gefördert werde. Dagegen scheinen maßgebende Teile unserer Gesellschaft und die Mehrzahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler solchen Fragen weitgehend teilnahmslos gegen­über zu stehen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sogar auf nationaler Ebene – sowohl im selbstverantwortlichen Sprachgebrauch der Wissenschaftler als auch im politisch gesteuerten Bildungswesen – die deutsche Sprache immer mehr durch das Englische ersetzt wird? Natürlich sind gute Englischkenntnisse heutzutage unverzichtbar, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Muss dies aber zu einer vollständigen Anglisierung der eigenen Wissenschaftstätigkeit führen?

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Dr. Dietrich Voslamber ist Vorstandsmitglied im Verein Deutsche Sprache e. V. (VDS) und Gründungsmitglied des Arbeitskreises Deutsch als Wissen-schaftssprache e. V. (ADAWIS). Der theoretische Physiker war als wissenschaftlicher Beamter der Euratom in Frankreich tätig.

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um die Rolle des Englischen als weltweite Verständigungssprache, deren Fachterminologie die Studierenden so früh wie möglich erlernen sollten, sondern ausschließlich um den Wissenschaftsbetrieb hierzulande, der sich – oft schon aus geringem Anlass – mehr und mehr auf Englisch umstellt. Wenn in Lehre und Forschung, Wissenschaftsförderung und Wissenschaftsaustausch die eigene Sprache zur Zweitrangigkeit degradiert wird, dann wird sie langfristig vollends ihre Wissenschaftstauglichkeit verlieren und auch nicht mehr dem Informationsanspruch der Gesellschaft, die schließlich die wissenschaftliche Tätigkeit finanziert, gerecht werden können.

Wissenschaftstauglich bleibt eine Sprache nur durch Gebrauch und Weiterentwicklung. Wenn der Gebrauch aber nicht schon bei der Ausbildung einsetzt, ist er später beeinträchtigt. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihr Fachwissen nicht auch in ihrer Muttersprache erfahren, sind nicht in der Lage, dieses Wissen in ihrer eigenen Sprache weiter zu entwickeln und anderen zu vermitteln. Dies führt unweigerlich zu einer sich selbst verstärkenden Eigendynamik, die von der Hochschule letztlich auch auf die Schule übergreifen kann. Ein Physiklehrer, der sein Fach ausschließlich auf Englisch gelernt hat, kann es schlecht auf Deutsch lehren. Die in den Kindergärten und Grundschulen um sich greifende Heranführung an Englisch tut ein Übriges, um ­diese Entwicklung zu fördern.

Gibt es noch eine Chance zur Umkehr? Dazu bedarf es vor allem der Einsicht, dass diese erstrebenswert, aber auch der Erkenntnis, dass sie möglich ist. Muss denn ein Tagungs- oder Seminarvortrag selbst dann auf Englisch gehalten werden, wenn sich nur wenige oder sogar überhaupt keine ausländischen Gäste im Auditorium befinden? Und darf man nicht zumindest von denen, die sich schon länger in Deutschland aufhalten, das nötige Maß an Deutschkenntnissen erwarten?

Muss unsere traditionelle Frühjahrs­tagung, wie in einigen Fällen schon geschehen, dauerhaft in „Spring Meeting“ umgetauft und das Tagungsprogramm auf Englisch abgefasst werden? Reicht es nicht, wenn auf internationalen Tagungen auf Englisch, auf nationalen Tagungen aber auf Deutsch vorgetragen wird? Was spricht dagegen, eine Dissertation zunächst auf Deutsch zu verfassen, wo doch ihre zusammengefassten Ergebnisse ohnehin auf Englisch ver-öffentlicht werden?

Es lohnt sich, auf die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zurückzuschauen. Das damalige harmonische Nebeneinander der nationalen Wissenschaftssprache Deutsch und der internationalen Wissenschaftssprache Englisch könnte – entsprechend angepasst – durchaus auch als Modell für die heutige Zeit dienen. Seine Durchführbarkeit ist erwiesen, wie die erfolgreiche Sprachpolitik einiger unserer Nachbarländer belegt. Das Beispiel Frankreich etwa zeigt, dass sich trotz der zunehmenden Internationalisierung der Wissenschaft die Landessprache als Wissenschaftssprache erhalten und fördern lässt. Dies setzt allerdings den politischen Willen der Gesellschaft sowie die grundsätzliche Bereitschaft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler voraus, dieses Anliegen zu dem ihrigen zu machen.

Dietrich Voslamber

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