Hochschulpolitiker in schwierigen Zeiten

  • 21. March 2018

Vor 150 Jahren wurde der Physiker Richard Wachsmuth geboren, ein Mitbegründer und der erste Rektor der 1914 gegründeten Universität Frankfurt.

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Richard Wachsmuth (Foto: Universitätsarchiv der Universität Frankfurt)

An Richard Wachsmuth erinnern weniger seine physikalischen Leistungen, sondern sein Wirken als Hochschulpolitiker. Als solcher gehörte er zu jenen unentbehrlichen Stützen, die das Wissenschaftssystem in schwierigen Zeiten am Leben erhielten.

Der Sohn eines Professors für Klassische Philologie und Alte Geschichte wurde am 21. März 1868 in Marburg geboren. Ab 1887 studierte er Physik in Heidelberg, dann in Berlin und Leipzig, wo er 1892 über ein Thema zur inneren Wärmeleitung promovierte. Seine erste Stelle als „Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ trat der 25-jährige bei der Physikalisch Technischen Reichsanstalt (PTR) in Berlin an. Dort gehörte er bald zum engeren Kreis um Hermann von Helmholtz, der ihn mit der Herausgabe der 5. Auflage seiner „Lehre von den Tonempfindungen“ beauftragte.

1895 avancierte Wachsmuth zum Assistenten an der PTR, wechselte aber schon im folgenden Jahr mit seiner frisch angetrauten Frau als Assistent an die Universität Göttingen. Er blieb nicht lange genug, um dort die umwälzenden Entwicklungen durch die Relativitätstheorie und die Quantentheorie mitzuerleben. Um auf der Karriereleiter aufzusteigen, folgte er 1898 einem Ruf auf eine außerordentliche Professur an die Universität Rostock, wo er sieben Jahre blieb.

Im Jahr 1905, dem Annus mirabilis Albert Einsteins, wechselte Richard Wachsmuth nach Berlin. Doch seine Anstellungen als Lehrer an der Militärakademie und später an der Bergakademie brachten ihn vermutlich nicht mit der neuen Physik in Berührung. Wachsmuth war inzwischen Vater von drei Kindern und strebte vermutlich einen sicheren Weg zur ordentlichen Professur an. 1907 ergriff er die Möglichkeit, als Dozent im „Physikalischen Verein“ nach Frankfurt am Main zu wechseln. Hier war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um sein hochschulpolitisches Talent bei der folgenden Gründung der Universität zu entfalten.

Zusätzlich zu seinem Lehrauftrag übernahm Wachsmuth nebenamtlich eine Dozentur für Experimentalphysik an der Frankfurter „Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften“. Sie war eine der wichtigsten Vorläufer-Institutionen, die 1914 zur Universität Frankfurt zusammengefasst werden sollten, ebenso wie der Physikalische Verein, die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft und Paul Ehrlichs Institut zur Erforschung von Infektionskrankheiten.

Ihren Anspruch drückte die Akademie dadurch aus, dass sie ihre Lehrenden auf „Professuren“ berief und ihren Leiter als „Rektor“ bezeichnete. Wachsmuth erhielt 1908 eine ordentliche Professur für Experimentalphysik an der Akademie und wurde im Wintersemester 1913/14 ihr letzter Rektor. Als Thema für seine Antrittsrede wählte er „Physik vor 100 Jahren“.

An der Gründung der Universität Frankfurt war Richard Wachsmuth spätestens seit September 1911 beteiligt, als er mit anderen treibenden Kräften für dieses Vorhaben zu einer allgemeinen Aussprache ins Preußische Kultusministerium nach Berlin eingeladen wurde. Als Rektor der Akademie war er Mitglied des „Großen Rates“, der über die Satzung der Universität und die baulichen Maßnahmen beriet. Der Wissenschaftshistoriker Walter G. Saltzer, der eine der wenigen Biographien Wachsmuths verfasst hat, stuft ihn neben dem Frankfurter Alt-Bürgermeister Franz Adickes als die treibende Kraft ein, die das Werk in der letzten Phase vollendete.

Die feierliche Eröffnung der Universität, die am 18. Oktober in Anwesenheit des Kaisers geplant war, wurde wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs in aller Stille begangen. Richard Wachsmuth, der zum ersten Rektor ernannt worden war, versammelte die Professoren und ersten Studenten zu einer kleinen Feier, auf der er eine „schlichte Ansprache“ hielt. „Im Grund war von da an die gesamte Zeit, in der Wachsmuth Mitglied der Universität war, nur noch politisch labil; erst die Jahre des Weltkriegs, dann die Weltwirtschaftskrise und die Labilitäten der Weimarer Republik“, so Saltzer. Wachsmuth habe zu denjenigen gehört, die viel Zeit und Kraft investierten, um die junge Institution am Leben zu erhalten.

Für seine Verdienste wurde er in den ersten Kriegsjahren zum Geheimrat ernannt. Von 1919 bis 1923 war er Stadtverordneter der Stadt Frankfurt. Zum 15-Jährigen Bestehen verfasste Wachsmuth eine Gründungsgeschichte der Universität, die seit 1932 Johann Wolfgang Goethe Universität heißt..

In seiner Forschung blieb Wachsmuth drei Gebieten treu: der Akustik, den elektrischen Wellen und der Elektrizitätsleitung in Gasen. Selbst als während seiner Amtszeit als Direktor des Physikalischen Instituts Otto Stern und Walter Gerlach 1921 ihr wegweisendes Experiment zur Richtungsquantelung durchführten, blieb er ganz der klassischen Physik verhaftet.

1932 ließ sich Richard Wachsmuth im Alter von 64 Jahren aus gesundheitlichen Gründen emeritieren. Er starb am 1. Januar 1941 in Ickingen bei München, wo er seinen Ruhestand verbrachte.

Anne Hardy

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