60 Jahre Göttinger Erklärung

  • 12. April 2017

Am 12. April 1957 wandten sich 18 namhafte Physiker gegen die Stationierung von Kernwaffen in Deutschland.

„Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichneten Atomforscher mit tiefer Sorge.“ Mit diesen Worten begann die „Göttinger Erklärung“, mit der 18 namhafte deutsche Kernforscher am 12. April 1957 einen aufsehenerregenden Schritt in die Öffentlichkeit wagten. Anlass war der Plan, die Bundeswehr mit taktischen Nuklearwaffen zu bewaffnen und sich an der Herstellung von Nuklearwaffen zu beteiligen.

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Die Göttinger Erklärung wurde auch im Mai-Heft der Physikalischen Blätter veröffentlicht. (Quelle: Wiley Online Library)

Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte diese Nuklearwaffen als „Weiterentwicklung der Artillerie“ charakterisiert. Diese grobe Fehleinschätzung stellten die Physiker in ihrer Erklärung in aller Deutlichkeit richtig: „Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als taktisch bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen.“
Ein kleines Land wie die Bundesrepublik würde sich dagegen am besten schützen und den Weltfrieden fördern, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichte.

Die „Göttinger 18“ bekannten sich zur friedlichen Nutzung der Kernenergie, erklärten aber ausdrücklich, sich weder „an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen“. „Das war eine sehr wirkmächtige Verpflichtung, denn gerade diese 18 Unterzeichner wussten im Prinzip, was man zum Bau von Kernwaffen benötigen würde“, sagt Götz Neuneck, geschäftsführender wissenschaftlicher Ko-Direktor des Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) und Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Physik und Abrüstung“ der DPG. „Sowohl Adenauer als auch Strauß haben dies quasi als Befehlsverweigerung angesehen. Dementsprechend wurden sehr viele gesellschaftliche Debatten und Proteste angestoßen, die bis heute anhalten, gerade was Deutschland angeht.“

Die derzeitige Diskussion, ob Deutschland sich eigene Kernwaffen zulegen müsse, wenn sich die Amerikaner aus Europa zurückziehen, hält Neuneck für eine Phantomdebatte. Dagegen sprächen internationale Verträge wie der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag von 1970 und die entsprechenden Artikel des Zwei-plus-Vier-Vertrags von 1990, aber auch die Aussichtslosigkeit, mit Kernwaffen mehr Sicherheit zu schaffen. „Nuklearwaffen müssen völkerrechtlich geächtet und sicherheitspolitisch verboten werden, da Sie als Massenvernichtungswaffen unter keinen Umständen direkt einsetzbar sind, besonders nicht von Demokratien.“

„Die Göttinger Erklärung wurde damals fast wie ein Sakrileg empfunden, erst recht in der damals sehr kritischen Situation des Kalten Krieges“, meint Götz Neuneck: „Ich glaube, es gehört zum Gewissen von Wissenschaftlern, nicht nur ihr Fachwissen zur Verfügung zu stellen, sondern die Öffentlichkeit auch über die unmittelbaren und langfristigen Folgen zu informieren und auf die damit verbundenen Gefahren hinzuweisen.“Die Wissenschaftler sprachen auch aus, was bis heute gilt: „Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich.“

Die Bemühungen um nukleare Abrüstung seien in den letzten Jahren unterbrochen worden. So ist der Kernwaffenteststopp-Vertrag (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty, CTBT) immer noch nicht in Kraft getreten, da er von acht Staaten, darunter die USA, die Volksrepublik China und Iran noch nicht ratifiziert wurde.

Iran hat sich jedoch im 2015 geschlossenen Abkommen mit den fünf permanenten Mitgliedern im Sicherheitsrat, USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China, sowie Deutschland über zehn Jahre verpflichtet, kein militärisches Programm zu betreiben und die zivile Nutzung überprüfen zu lassen. Große Sorgen bereiten jedoch Länder wie Pakistan und Indien, die mittlerweile auch über Kernwaffenarsenale verfügen und sich ein Wettrüsten liefern. Nordkorea hat fünf Nukleartests durchgeführt und droht mit weiteren. Alle drei haben den Nichtverbreitungsvertrag noch nicht unterschrieben und produzieren weiter waffenfähiges Spaltmaterial.

Zum 60. Jahrestag der „Göttinger Erklärung“ wird am 3. Mai eine gemeinsame Festveranstaltung der Universität Göttingen, der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) in der Aula der Universität Göttingen stattfinden. Im Anschluss findet die Premiere des Dokumentarfilms „Kreisgang“ über Leben und Werk Carl Friedrich von Weizsäckers statt. Der im April 2007 verstorbene von Weizsäcker hat immer wieder kritisch Stellung zur atomaren Bedrohung bezogen. Er gehörte 1959 mit anderen Unterzeichnern der Göttinger Erklärung zu den Mitbegründern der VDW, die sich bis heute gegen den Missbrauch von Forschung engagiert.

Alexander Pawlak

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