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Ein Glücksfall für die Mathematik

Im Jahr 2002 eröffnete das Mathematikum in Gießen. Mathematikprofessor Albrecht Beutels­pacher ist Initiator und Direktor und erhielt im vergangenen Jahr die Publizistikmedaille der DPG.

  • Maike Pfalz
  • 03 / 2015 Seite: 26

Erst ganz leise klirrt und klackert es – oben an der Decke hat sich wie von Geisterhand die große Kugelbahn in Bewegung gesetzt. Nach und nach werden bunte Kugeln in einer Art Fahrstuhl nach oben gehoben, von wo aus sie auf ver­schlungenen Wegen nach unten rollen. Fast schon wie Musik klingt es, wenn die Kugeln durch die Rohre rollen, durch Loopings rauschen, aber dann doch den Kampf gegen die Schwerkraft verlieren. In diesen wenigen Minuten, in denen die Kugeln sich bewegen, verstummen sämtliche Gespräche, und alle Blicke richten sich an die Decke. Nicht nur Kinder stehen staunend davor und bewundern dieses Schauspiel.

Diese übergroße Kugelbahn ist nur eines von rund 150 Exponaten des Gießener Mathematikums, des weltweit ersten Mathematikmuseums. Mathematik und Museum – das klingt nach einer Kombination, die eigentlich nicht funktionieren kann. Mathematik gilt als schwierig, ein Museum als langweilig. Das Projekt hätte von Anfang an zum Scheitern verurteilt sein müssen, sollte man meinen. Doch seit der Eröffnung im November 2002 kommen jährlich rund 150 000 Besucher in die Ausstellung. Angefangen hat alles im Jahr 1993, als der Gießener Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher „alles mal ganz anders machen wollte“. Und so gab er seinen Lehramtsstudenten für das Semester nur zwei Aufgaben: Baut ein geometrisches Objekt und erklärt die Mathematik dahinter. „Erst herrschte ziemliche Irritation“, erinnert sich Beutelspacher, „aber dann merkte ich, wie die Studenten sich mit dieser Aufgabe identifiziert haben und mit Begeisterung ans Werk gegangen sind.“ Ergebnis des Seminars waren nicht nur zufriedene Studenten mit vielen verschiedenen geometrischen Objekten, sondern die Idee, diese Möbius-Bänder, Platonischen Körper oder Tetraeder auch anderen Menschen zu zeigen. Im darauf folgenden Jahr wurden die Ergebnisse des Seminars in einem Raum der Universität gezeigt. Schnell sprach sich der Erfolg der Ausstellung herum, sodass Anfragen aus anderen Städten kamen. So gingen die Exponate 1995 erstmals auf Reisen, nämlich nach Nürnberg zur Tagung des Deutschen Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts. Über Jahre hinweg wurde die Ausstellung weiterentwickelt und ergänzt und in weiteren Städten gezeigt. „Überall waren die Leute zunächst skeptisch, aber am Ende doch überwältigt“, erzählt Albrecht Beutels­pacher. „Da war die Verlockung natürlich groß, aus der Ausstellung etwas Dauerhaftes zu machen.“

Als er im Jahr 2000 als erster den neu eingeführten Communicator-Preis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft erhielt, war klar, dass die Idee der Mathematik-Ausstellung in der Öffentlichkeit angekommen ist. Die 100 000 DM Preisgeld steckte Beutelspacher komplett in die Realisierung des Mathematik-Museums. Hinzu kamen eine Finanzierung des Hessischen Wissenschaftsministeriums und eine EU-Finanzierung über das Wirtschaftsministerium. So konnte 2001 der Umbau des Gießener Hauptzollamts beginnen. Im November 2002 kam schließlich sogar der damalige Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung und erlebte dort, wie viel Spaß Mathematik machen kann.

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