Geschichte

Der Weg zu den „neuen Wissenschaften“

Galileo Galilei war kein heldenhafter Einzelgänger, sondern durchaus ein Kind seiner Zeit.

  • Matteo Valleriani
  • 11 / 2014 Seite: 43

Vor 450 Jahren, genauer am 15. Februar 1564, erblickte Galileo Galilei in Pisa das Licht der Welt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten machten ihn berühmt, heute gilt er geradezu als Idol der Wissenschaft. Galileis Abschwörung der opernikanischen Lehre am 22. Juni 1633 gilt als Schlüsselmoment in der Auseinandersetzung zwischen Religion und Wissenschaft. Doch um seinen Verdiensten für die Entstehung einer modernen Physik gerecht zu werden, darf man ihn nicht als heroisches Genie verklären.

Im Jahr 1616 hatte die katholische Kirche das Werk De revolutionibus orbium coelestium (1543) von Nikolaus Kopernikus auf den Index gesetzt. Als sich Galileo Galilei 1632 in seinem „Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsys­teme“ (Dialogo sopra i due massimi sistemi) für das kopernikanische heliozentrische System aussprach, verletzte er damit die kirchlichen Verordnungen. Papst Urban VIII. setzte noch im Erscheinungsjahr eine Kommission zur Begutachtung ein, die schließlich zum Prozess gegen Galilei führte, bei dem er öffentlich und feierlich der kopernikanischen Lehre abschwören musste.

Allein durch Galileis Eintreten für Kopernikus lässt sich der Fall seiner Abschwörung jedoch nicht verstehen. Ihre Geschichte verdeutlicht zudem die Besonderheiten von Galileis wissenschaftlicher Praxis, denn seine Gedanken bewegten sich innerhalb von Bereichen, die man zu seiner Zeit üblicherweise scharf voneinander trennte: Mathematik, Naturphilosophie und Theo­logie. Dass es Galilei nicht erlaubt war, in den Bereich der Theologie einzutreten, ist nicht verwunderlich, bedenkt man, dass die Kirche zu seiner Zeit noch eine säkulare Macht war. Ein tieferer Blick in die Geschichte offenbart, wie ein Konflikt zwischen Mathematik und Naturphilosophie entstehen konnte. Von großer Bedeutung war dabei Galileis Ansatz, das kopernikanische Weltsystem nicht allein als mathematische Hypothese aufzufassen, sondern als reales physikalisches System in der Natur. Gleichzeitig zeigte er in seinem Buch, dass das geozentrische aristotelisch-ptolemäische System insgesamt falsch und somit eine wörtliche Interpre­tation der Bibelworte „Und die Sonne stand still“ (Josua 10, 13–14) nicht zu halten war.

Die aus der kirchlichen Bibel­exegese hervorgegangene naturphilosophische Auffassung war im 17. Jahrhundert oft noch das Resultat einer wörtlichen Auslegung des Textes. Dagegen stellte sich nun Galileo mit seiner „physikalischen“ Deutung des kopernikanischen Systems. Der Theologe Hans Bieri erklärte 2007, worin die grundsätzliche Problematik lag: Galilei selbst hatte zuvor versucht, eine eigene Interpretation der relevanten Bibel­passagen zu liefern [1]. Seine Auslegung hätte, wäre sie anerkannt worden, den nötigen Raum für die Befürwortung des kopernikanischen Systems geboten. Bereits 1613 hatte Galilei in einem Brief an seinen Schüler Benedetto Castelli suggeriert, dass die biblischen Beschreibungen und Erklärungen der Naturphänomene nicht wörtlich auszulegen seien.1) Sie zu erklären sei vielmehr Aufgabe der Wissenschaften und nicht der Theologie. Damit widersprach Galilei dem im Konzil von Trient verabschiedeten Dogma, das der Römischen Kirche das alleinige Recht auf die Auslegung der Bibel zusprach. ...

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