Geschichte

Die Physik im Großen Krieg

Warum wissen wir so wenig über den Einfluss des Ersten Weltkriegs auf die Forschung, technische Anwendungen und Karrieren in der Physik?

  • Arne Schirrmacher
  • 07 / 2014 Seite: 43

Das Bild, das wir vom Einsatz der Physik im Ersten Weltkrieg haben, ist erstaunlich unscharf. Hinter den breit diskutierten spektakulären Forschungsprojekten des Zweiten Weltkriegs und seinen bildgewaltigen Dokumenten verblasst es fast vollständig. Der Erste Weltkrieg gilt weithin als „Krieg der Chemiker“, in dem die Physik keine nennenswerte Rolle gespielt hat. Aber stimmt das wirklich?

Der junge Professor der Physik Max Born sitzt in Straßenanzug und Krawatte behelfsmäßig auf einer Kiste, Mantel und Schirm sind ordentlich auf einem kaputten Stuhl abgelegt (Abb. 1). Neben der Kleiderbürste befindet sich ein Buch auf der Holzkiste, die den fehlenden Tisch in seiner heruntergekommenen Behausung ersetzt, und in einer improvisierten Vase stehen einige Zweige. Diese bescheidenen Insignien bürgerlichen Lebens stehen im Kontrast zu seiner Uniform, die er mit Koppel und Stiefeln einer offenbar improvisierten Kleiderpuppe angezogen hat, und ein Stück Gardine an einer Stange ersetzt die Fahne, das Symbol für Vaterland und Ehre. Das hier sichtbar werdende ambivalente und distanzierte Verhältnis zwischen den Sphären der Wissenschaft und des Militärs war charakteristisch für den Einsatz der Physiker im Ersten Weltkrieg. Sie fanden sich auf einen Schlag in zwei ganz unterschiedlichen Koordinatensystemen, die sich nicht so leicht ineinander transformieren ließen. Dies scheint auch der Blick in die Kamera wider­zuspiegeln.

Wenige Wissenschaftler haben sich später zu ihrer anfänglichen Euphorie über den Krieg geäußert oder zu ihrer späteren Enttäuschung. Kaum einer hat seine Versuche, die Physik für den Kampf zu mobilisieren, genauer hinterfragt. Einige sollten von der „Urkatastrophe Deutschlands“ [1], die in England und Frankreich noch heute schlicht als der „Große Krieg“ bezeichnet wird, sogar persönlichen profitieren – nämlich wenn sich Kriegstätigkeiten als wichtige Faktoren für den späteren wissenschaftlichen Erfolg herausstellten. Einem Fünftel des Wissen­schaftlernachwuchses – vom Erstsemester zum jungen Physikprofessor – brachte der militärische Einsatz freilich den Tod. Für die meisten sollte es aber irgendwie weitergehen, unter ihnen auch all diejenigen, welche Deutschland die goldenen Zwanzigerjahre der Physik bescherten...

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