Geschichte

Die Affäre Pontecorvo

Die ungewöhnliche Karriere des italienischen Kernphysikers

  • Simone Turchetti
  • 10 / 2013 Seite: 43

Der Kalte Krieg wirkte sich auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs auf die Karrieren zahlreicher Wissenschaftler aus. Dazu gehört auch Bruno Pontecorvo (1913 – 1993), der 1950 verschwand und erst fünf Jahre später in der Sowjetunion wieder auftauchte. Dieser Teil seiner Lebensgeschichte ist bis heute ein Rätsel geblieben, auf das mittlerweile freigegebene Dokumente jedoch neues Licht werfen.

Bruno Pontecorvo war der erste Wissenschaftler, der in die Sowjetunion floh, nachdem er an geheimen Arbeiten im Rahmen der alliierten Kriegsanstrengungen während des Zweiten Weltkriegs teilgenommen hatte. Im September 1950 verschwand er während einer Finnlandreise mitsamt seiner Frau und den drei Söhnen. Erst fünf Jahre später tauchte er in Moskau bei einer Pressekonferenz aus der Versenkung auf. Dort erklärte er, dass er Großbritannien, wo er zuvor gearbeitet hatte, verlassen habe, weil ihn die militärische Nutzung der Kernforschung im Westen beschämte. Daher drängte Pontecorvo seine ehemaligen Kollegen, sich mit ihm gemeinsam der pazifistischen Sache zu verschreiben. Doch über seine heimlichen Reisen verriet er so gut wie nichts, auch nicht dar­über, woran genau er während der ersten fünf Jahren in der Sowjetunion gearbeitet hatte. Wer war dieser Physiker wirklich, und was bewegte ihn zu seiner überstürzten Flucht?

Bruno Pontecorvo, der am 22. August 1913 in Pisa geboren wurde, entstammte einer wohlhabenden Familie jüdischer Herkunft. Bereits 1928 begann er ein Ingenieursstudium in Pisa, entschloss sich aber 1930, nach Rom zu ziehen. Ihn lockte die Aussicht, bei einem dort sehr erfolgreichen Professor zu studieren: Enrico Fermi. Mit diesem Wunsch war Pontecorvo nicht allein: Andere ehrgeizige Jungwissenschaftler hatten bereits ähnliches unternommen. Fermis früherer Mitschüler Franco Rasetti sowie seine Kollegen Edoardo Amaldi und Emilio Segrè bildeten eine kleine Forschungsgruppe am Physikalischen Institut in Rom. Dessen Direktor, Senator Orso Corbino, hatte ausreichend Durchsetzungsvermögen, ihnen trotz des politischen Aufruhrs infolge des Aufstiegs des Faschismus ein effektives Arbeiten zu ermöglichen.

Fermi und seine Mitarbeiter erzielten weitreichende Forschungsergebnisse, die unser Wissen über Atome und deren Kerne entscheidend wandeln sollten. 1932 nahm die Gruppe, die ihr Labor in der Via Panisperna, einer Gasse in der Nähe des Kolosseums, hatte, das Problem künstlicher Radio­aktivität in Angriff. Die ehrgeizigen Jungphysi­ker hatten da Erfolg, wo ihre Konkurrenten gescheitert waren: Sie erzeugten radioaktive Substanzen, indem sie mehrere chemische Elemente mit Neutronen bombardierten. Das hatten bis dahin nur wenige Forscher versucht, etwa in Cambridge und Paris. ...

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